»Infinite Jest« by David Foster Wallace | Der Roman über alles

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Deutsches Cover

Leseimpressionen zu David Foster Wallace‘ Jahrhundertroman Infinite Jest

Zweimal habe ich Bruno Ganz aus jenem Roman lesen hören, der hier als „Unendlicher Spaß“ erschienen ist, und still seiner Stimme nachgelauscht, während er sich  so verhalten wie furchtos daran machte, das Nahe-Unmögliche zu leisten;  einmal geschah dies vor, einmal nach meiner eigenen Lektüre. Was der große Schauspieler zu diesem Zweck wählte, waren besonders poetische, abkürzungsarme und vor allem auch moralische Szenen, zwei davon zum Ende hin. Wer einen wie ihn aus diesen Text lesen hört, spürt das Anliegen des Autors in besonderer Eindringlichkeit, die leere Dauerironie der späten Postmoderne auf die Hörner [und auf die Schippe] zu nehmen und sich wieder Fragen danach zu stellen, „what it was to be a fucking human being“[3]. Wobei er die angeblich groteske Komik durchaus als solche stehen ließ, ohne den darunterliegenden, mahnenden Stammton je verstummen zu lassen, und auf diese Weise falsche – oder besser: tief verunsicherte – Lacher im Publikum riskierte.
Im Wechselspiel von Überfülle und jener Leere, die kosmischer Kälte verwandt zu sein scheint, in den Myriaden von Formulierungen, von denen oft jede einzelne aufhorchen lassen müsste, aber leider gern untergeht in Lese-Erschöpfung, haben seine Stimme und sein Gespür für die richtigen Stellen das Unbelebte, das Absolut-Minus-Klima überbrückt, das in diesem Buch meist, aber keinesfalls immer herrscht, haben es gewärmt mit Iihrem Hauch, entwirrt und langsam und präzise genug gemacht, um eine ganz andere Wahrnehmungsweise als die papierne zu erzeugen: eine direkte, bei Körpertemperatur fließende, wie unmittelbar gespendet von der Guten Brust.

So sehr der Roman sich anbietet als Fundgrube für unvergleichliche Einzelszenen, so schwer bis gar nicht sind die Plotstränge bei einmaligem Lesen zu entwirren. Ohne Zuhilfenahme von [sehr spärlich zugänglicher] Sekundärliteratur ist es bei mir überhaupt nicht gegangen. Wobei ich nicht unterstelle, den Verlauf einer Handlung verstanden zu haben, bedeute, ein Buch verstanden zu haben. Genauso legitim ist für mich die ‚impressionistische‘ Lektüre, die D.F.W. ja offenbar auch anstrebt, sodass ich als Leserin ihm entgegenfantasieren muss, um mit den ständigen Abbrüchen und Strang-Rupturen irgendwie fertig zu werden. Dieser Roman ist zu lang für ein gewöhnliches Gedächtnis, und das Gehirn beginnt sich zu helfen, indem es Szenen abkapselt und ihnen Eigenständigkeit zuspricht. Dies wiederum macht es möglich, Einzelpassagen herauszunehmen, um sie laut vorzutragen. Was die Auswahl der Abschnitte, die der Schauspieler las, nachdrücklich bestätigt hat; sie könnten für sich stehen wie so manches in diesem Werk, das als Ganzes so „elusive“[4]  bleibt und als Einzelnes so vollkommen.

Zwischen mir und mir hat eine ganze Weile lang nichts gestanden als dieses Buch – wie ein Klotz im Türspalt -, was das Leseerlebnis stark beeinflusst hat und vor allem die Frage aufwirft, ob man den Roman in einer anderen Situation ertragen kann als in einer verschärften, ohne damit beruflich assoziiert zu sein. Offenbar nicht so recht. Niemand liest dieses Buch, kaum jemand hält durch bis zum Schluss  – außer den Süchtigen[5], Gestrandeten, Gescheiterten, Verzweifelten, möchte man meinen[6]; die müsste es zu identifikatorischer Lektüre reizen. Da findet man sich auf fast jeder Seite selbst. Mir ist es nicht anders ergangen. Markant war vor allem die „Hirnstimme“, nicht nur die der Romanfiguren, sondern, synchron dazu, auch meine. Da war etwas, was ich sofort wiedererkannte, selbst wenn ich das meiste zum ersten Mal las:

Dass es ein selten erwähntes Paradox der Rauschgiftsucht gibt: Wenn die Droge Sie erst so nachhaltig unterjocht hat, dass Sie von ihr loskommen müssen, um am Leben zu bleiben, dann ist Ihnen diese unterjochende Droge so wichtig geworden, dass Sie praktisch den Verstand verlieren, wenn sie Ihnen genommen wird. Oder dass Sie, wenn Ihnen Ihre Lieblingsdroge genommen wird, damit Sie am Leben bleiben, und Sie sich für die vorgeschriebenen Morgen- und Abendgebete hinhocken, irgendwann darum flehen, buchstäblich den Verstand verlieren zu dürfen, in der Lage zu sein, ihn in eine alte Zeitung oder so einzuwickeln und in einer Seitengasse liegenzulassen, damit er von nun an allein und ohne Sie klarkommt. […] Dass die meisten Nichtsüchtigen Sie nicht mögen werden, egal, was Sie machen. Und dass die meisten nichtsüchtigen Normalsterblichen diese Tatsache bereits verarbeitet haben, oft schon recht früh. […] Dass böse Menschen nie glauben, sie wären böse, sondern eher, alle anderen wären böse. […] Dass manche Menschen einfach nur dasitzen brauchen und, irgendwie, wehtun. […] Dass die Sorge, was die anderen wohl von einem denken, verfliegt, wenn man merkt, wie selten sie an einen denken. […] Dass die Menschen, vor denen man am meisten Angst haben muss, die Menschen sind, die am meisten Angst haben. […] Dass es perverserweise oft mehr Spaß macht, etwas zu wollen, als es zu haben. […] Dass sich Sex mit jemandem, der Ihnen egal ist, einsamer anfühlt als gar kein Sex. […][7]

Diese Erzählstimme und den Mann dahinter kannte ich natürlich nicht – aber er kannte mich.
Bewerkstelligt hat er diesen stupenden Effekt, der zunächst der Haupteffekt war, u.a. über einen kontrollierten Kontrollverlust, der Denkprozesse nachahmt, und dies weit genauer als im üblichen stream of consciousness. Sofort waren sie da, alle die Caveats, Mikro-, Meta-Gedanken und anderen Zuckungen des ja immerhin nichtlinear denkenden Verstandes, was viele andere Erzählformen geflissentlich leugnen und durch wenigstens etwas geradlinigere Strukturen ersetzen. Von Anfang an hatte ich auch das Gefühl, dieser Roman sei nicht etwa darum ein Monstrum, weil er so dickleibig[8], so schwer zu lesen oder ein solcher Rundumschlag sei, sondern aus dem ganz einfachen Grund, dass er vom Start weg so grausam wahr klingt, dass mir eine Distanzierung davon unmöglich war. Ich konnte ihn mir nicht das entscheidende Stückchen vom Leibe halten und fiel hinein wie in die Schwerkraft massereicher Singularitäten, einem Riesenstaubsauger gleich, der alles wie eine Art überkommener Raumzeit zu verkrümmen, einzusaugen und zu absorbieren schien wie funzelhaftes Licht, das zu schwach war zu entkommen. Strenggenommen dürfte dieser Roman niemals enden. Er müsste wirklich infinite sein, dachte ich. Aufgrund seiner zirkulären Struktur ist er es am Ende auch.
Im Schatten dieses Romans erscheinen nicht nur die Werke von Aspirantinnen meiner Sorte[9] bedeutungslos; es erscheint auch so manches etablierte Kunstwerk – welcher Gattung auch immer – letztlich als von müden Kompromissen und unzulässigen Verflachungen schwer gezeichnete Unterhaltungsware. Vieles – so dachte ich zunächst erschrocken – schnurrt im direkten Vergleich auf eine fast lachhafte Banalität und Kleinheit zusammen. Ich würde so weit gehen zu sagen: Wer sich als Kunstschaffender, besonders als Schreibender, angesichts dieses Opus magnum nicht in heftige Selbstzweifel gestürzt sieht, der lügt. In diesen Roman passen mühelos ganze Spielfilme [auch die in unserer Welt existenten, nicht nur die fiktiven aus der Filmografie James O. Incandenzas], Literaturen, Enzyklopädien, mal eben so reduziert zu Seitenmotiven oder Unterkapitelchen von Infinite Jest, nichts als Motivmasse. Der Roman verschluckt sie einfach. Es ist, als gäbe es keine irdischen Begrenzungen[10] dessen, was auf den jeweils nächsten Seiten stehen könnte, wobei eines doch ausgenommen ist, und das wusste ich wie wohl jeder Leser beinahe von Beginn an: das Glück[11].
Jene mechanische Selbstverständlichkeit, Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden zu können, die sonst nebenher läuft, kappt der Roman und setzt den Leser einer [vermeintlich] filterlosen Informationsflut aus, einem Buch wie einer Wahrheit, die immer so gerade außerhalb des Fokussierbaren liegt – so wie unsere Welt inzwischen. Viele hat es wohl gegeben, auf die Infinite Jest zunächst so gewirkt hat, als schriebe da jemand auf möglichst komplizierte Weise hin, was immer ihm gerade einfalle. Wie unglaublich raffiniert das alles miteinander verknüpft ist, wird erst später klar, wenn man sich etwa erklären lässt, wo genau sich der Film Infinite Jest, das Politikum, das den Außenpanzer der Handlung bildet, jeweils befinde, dass auch die Filmpatrone zirkuliere – von den Incandenzas über den von Gately versehentlich erstickten DuPlessis  über Gatey und Kite, Sechziger-Bob über die Antitoi-Brüder über die kanadischen A.F.R. zurück zu den Incandenzas. Offenbar ist es sogar möglich zu rekonstruieren, in welchem Jahr – vor und nach der Sponsorenzeit – und an welchem Tag  sich was genau ereignet. Aber es bleiben große Löcher und Ungewissheiten, die die Fantasie fordern und den Roman erst so richtig infinite machen. Unter anderem fehlt offenbar ein ganzes Jahr der Sponsorenzeit fast vollständig [das Jahr des Glad-Müllsacks, mutmaßlich 2010], jenes Jahr der Eingangsszene, das auf das Jahr der Inkontinenz-Unterwäsche, mutmaßlich 2009, folgt.

Darum auch habe ich beim ersten Versuch bei S. 100 etwa geschmissen. Ich verstand zu wenig. Dieses Ding wollte ich abwechselnd in die Ecke feuern und auffressen, gibt es doch nicht zu knapp langweilige Seiten, ja Seitzehnten – aber kaum einen langweiligen Satz. Es waren die Einzelbeobachtungen und Bilderfluchten, die mich schließlich beigehalten haben.
Das Allererste, was mir durch den Kopf ging und nicht verstummen wollte, war die Phrase: „Dieses Buch ist grausam wahr.“[12] Da war ich noch gar nicht weit.
Woher kam das?
Daher kam es sicher nicht: Obwohl der einzige mir zugängliche Sekundärautor[13] anderer Meinung war, schien es mir in diesem Buch nicht primär um eine Abarbeitung an griechischer und sonstiger Mythologie, Hamlet, James Joyce, Robert Musil, Thomas Pynchon, William Gaddis oder, spezifischer, etwa um den Einfluss von Ebbots Flatland auf Hal und die E.T.A-Jungs oder Don Gately als postpostmodernen Herakles etc. zu gehen, weshalb ich Literaturwissenschaft noch nie gemocht habe, weil sie kein Buch erst einmal für sich selbst sprechen lässt. Auch eine frühe Bemerkung meinerseits, D.F.W. sei offenbar auf ganz neue und unerhörte Weise wieder wahrhaftig und Herzblutschreiber, erntete Reaktionen von befreundeten Literaturfreaks wie etwa die folgende:

DFW ist nun alles andere als ein Herzblutschreiber. In einem der letzten Interviews hat er noch einmal in aller Deutlichkeit gesagt, wo er sich einordnet; er benutzt postmoderne/hyperrealistische Techniken, um grundlegende Probleme der Philosophie und des Gesellschaftlichen darzustellen. Er tut das in erster Linie mit einem Denken, das ihn überwältigt, und Mitaffekten, die ihn mitreißen, ganz genau, wie Deleuze das bei Künstlern gesehen hat, wenn Wallace vordergründig auch Wittgensteinerianer war. Zudem muss man bei ihm spiritualism mit Philosophie übersetzen. Alle Großen schreiben mit dieser Ernsthaftigkeit, der sie wiederum manchmal nicht gewachsen sind, auch dafür ist Wallace ein gutes Beispiel.

Das mochte richtig sein. Aber das war es nicht.
Ein Schlüssel zu dem, was dieses Werk ausmacht, so dachte ich mir, könnte das sein, was als sein Humor verstanden wird.
„Grotesk komisch“, „überzeichnend hyperrealistisch“, „grenzenlos verrückt und verrückt grenzenlos“? Was ist in diesem Buch wirklich lebensfern grotesk? Nichts Prinzipielles, würde ich sagen.[14] Eher ahmt das Buch unsere Wahrnehmung in erbarmungsloser Genauigkeit nach, als inszenierte Reizüberflutung ohne die gnädige Selektion, die die Erinnerung betreibt oder das, was wir behalten. Es ist über weite Strecken ein Stil, der nicht vergessen oder auslassen kann und will und beharrlich so mäandert, wie gedacht und erlebt wird, wenn man sich mal vergegenwärtigte, wie man wirklich denkt, erratisch, verworren, nichtlinear, assoziativ, in Sprüngen, endlos – ohne die Destillate, die Gedächtnis oder auch konventionelle Literatur oder Film herstellen. Natürlich ist auch Infinite Jest ein Destillat, ein oberraffiniertes zumal, wenn auch oft in einer scheinbaren Erlebensnähe von 1:1. Der Text müht sich, sich um nichts zu drücken. Um absolut gar nichts. Und das ist bestechend, von Anfang an:

Der Atem schmerzte an den Zähnen. Zeit kam zu ihm in der Falkenschwärze der Nacht als orangener Irokese, als Lustige Witwe mit geschmacklosen Amalfi-Pumps und sonst nichts. Zeit weitete ihn, drang grob in ihn ein, trieb es nach ihrem Wohlgefallen und verließ ihn wieder in Form so endlosen Durchfalls, dass er mit dem Spülen kaum nachkam. Die längste morbide Zeit versuchte er zu ergründen, wo die ganze Scheiße bloß herkam, wo er doch nichts als Codinex-Plus zu sich nahm. Irgendwann dämmerte es ihm: Die Zeit selbst war Scheiße geworden, Poor Tony war ein Stundenglas geworden, die Zeit verging jetzt durch ihn hindurch; außer ihrem schartigen Fluss existierte er nicht mehr.[15]

So etwas geht – gerade mit seiner zur Verleugnung[16] reizenden  ‚Unappetitlichkeit‘ – direkt ins Blut und überwindet die Blut-Hirn-Schranke, ohne dass man sich rechtzeitig wehren kann. Dass D.F.W dabei höchst formal und abstrakt vorgeht und fraktale Prinzipien der Selbstähnlichkeit und ähnlicher Zirkelbewegungen[17], die auf allen Ebenen der Wichtigkeit wiederkehren, zum Einsatz bringt, schmälert diesen Effekt nicht, sondern verschärft ihn. Vielleicht, so dachte ich, als ich mit der Lektüre vorangeschritten war,  lag darin das Groteske: wie lebendig und doch zugleich tot – ohne dass es paradox erschien – ein Roman wirken konnte, dessen Skelett mathematische, formal-logische und philosophische Strukturen bildeten, und der doch von einem unüberhörbaren, fast altmodischen moralischen Impetus diktiert, ja getrieben war. Den Eindruck, hier sei etwas bitter ernst gemeint durch alle Grimassen und Grinsefratzen[18] hindurch, wurde ich nicht los. Dann fand ich die entsprechenden Zitate:
Sein Ansatz sei „morally passionate, passionately moral ” schrieb D.F.W. Er sei nicht „realistic, and it is not metafiction; if it’s anything, it’s meta-the-difference-between-the-two.“ Der oppressive Grundzug institutionalisierter Ironie[19] liege darin, die Frage an sich abzuweisen, was gut und richtig wäre. D.F.W. wolle Gefühl, nicht Nihilismus, er wolle Herzblut und attackiere, um dies zu erreichen, die Mediengesellschaft in einem Generalangriff auf die postmoderne Ironie, die alles Aufklärerische verloren habe. Es sich gemütlicher, gefühliger, tröstlicher und bequemer zu machen oder gar [wieder] pathetischer zu werden, empfand er jedoch wohl generell als Falle –  „Anything comforting puts me on guard. It seems important to find ways of reminding ourselves that most ‘familiarity’ is mediated and delusive“ -, die er umging, um etwas Drittes zu schaffen.
Er schreibe mehr, wie man denke, sagte er. Nicht wie man spreche. Daher der erratische Charakter und die Länge seiner Sätze und die schiere und schamlose Zwingkraft der Bilder und Motive, die mir  eher Träumen entliehen scheinen als irgendeiner wie auch immer konstruierten Realität:

Das Licht des Schminkspiegels zeigte nur das Weiße in Seinen Augen, und obwohl die absolute Katatonie und Lähmung Ihm verboten, die Circumoralmuskeln der horrormäßig rougegetönten Gesichtszüge zu einer konventionellen Miene zu verziehen, hatte sich irgendeine scheußlich bewegungs- und ausdrucksfähige Schicht in den feuchten Regionen unterhalb der Fazialmuskulatur normaler Menschen, war irgendeine nur Ihm eigene schwach zuckende Schicht blindlings kontrahiert und hatte das leere weiche Cheese! Seines Gesichts zu jenem verkniffen japsenden Ausdruck neurologischer Konzentration zusammengezogen, die fleischliche Lust jenseits von Lächeln oder Seufzen kennzeichnen. Sein Gesicht wirkte postkoital, wie man sich Vakuole und Optica eines postkoitalen Einzellers vorstellen würde, nachdem der seine monozelluläre Ladung erschaudernd in die kalten Wasser eines echt alten Meeres ergossen hat. [20]

Nicht selten verknüpft D.F.W. solche Bilder mit einem unaufdringlichen missionarischen Eifer – im Grunde im Ringen um Würde:

Reglose Füße unter Toilettenkabinentüren haben etwas Demütiges, ja Friedfertiges. Die Defäkationshaltung ist eine Demutshaltung, geht ihm durch den Kopf. […] Ein buckliger, zeitloser, unvergänglicher Archetyp des Wartens, fast religiös.[21]

Fackelmann probierte aus, wie nah die Spitze des Speichelfadens der Oberfläche ihres […] Pisseteichs kommen konnte, bevor er ihn wieder einsog. Die Einsicht, dass die meisten Menschen Spielgefahren mögen, aber echte Gefahren nicht mögen, traf Gately mit der Wucht einer Epiphanie.[22]

Leute mit atrophischen Gliedern. Und, genau, Chemiker und Reine Mathematiker im Hauptfach auch mit Halsatrophien […] Die Hydrozephalen. Die Schwindsüchtigen, Kachektiker und Anorektiker. […] Her mit Euch. Psoriatiker. Ekzematös Gemiedene. Und Skropulodermatöse. Ihr glockenförmigen Steatopykniker mit euren spezialangefertigten Beinkleidern. […] Hier steht Kommt her zu mir, die ihr abstoßend und verwahrlost seid. Selig sind, die da körperlich arm sind, denn ihrer.[23]

Grotesk?
Nach meinem Empfinden war Infinite Jest sehr früh nur für diejenigen auf groteske Weise komisch, die über eine voll funktionierende Abwehr verfügten. Denn es wird im Wesentlichen nichts geschildert, was einem Menschen nicht zustoßen könnte. Das Groteske liegt allein in der Genauigkeit der Darstellung – und in ihrer Gnadenlosigkeit. Sowie in der Häufung solcher Effekte. Und das macht die Grausamkeit dieses ‚Humors‘ aus, der als solcher verkleidet daherkommt. Und wahrer Humor[24] kommt eben so daher und nicht anders. Irgendwann habe ich die Extreme fast mitgezählt. Als Beispiele mögen dienen: die versehentliche Erstickung DuPlessis‘ durch Gately[25], der Diebstahl der Handtasche mit dem Außenherz durch Poor Tony[26], die Frau mit dem toten Baby, das ihr am Körper festfault[27], der Suizid des Tennis-Einzelgängers Clipperton[28],  Lenz‘ Tierquälerei[29],  der krasse sexuelle Missbrauch Matty Pemulis‘ durch dessen Vater[30],  die  immer etwas fragliche, aber wahrscheinliche Entstellung Joelles durch Säure[31], das Sozialexperiment[32] Barry Loachs, zu dem ihn sein Bruder überredet, die Entstehung der A.F.R. aus dem düsteren Mutprobenspiel Le Culte du Prochain Train[33]. Aber dergleichen ist – von einer überbordenden Erfindungsfreudigkeit bei Details abgesehen – nichts als Polizei- bzw. Psychiatrieroutine[34].
Viele davon sind mir intuitiv oder aus eigenem Erleben so vertraut, dass ich sie nicht nur als Stilmittel oder manieristische Teile des Plots ansehen kann. Das ist nicht nur schwarzer Humor, sondern auch Realität [ohne Hyper-], die sich, für manches Auge schonend, das Mäntelchen des Satirischen oder Gesellschaftskritischen überzieht – ganz ähnlich dem Schleier der Joelle.
Da ich schon beim Thema Verhüllung bin: Besonders berührt [in eigener Sache] hat mich der erste längere Dialog zwischen Don Gately und Joelle van Dyne, eine Art Streitgespräch über ihre jeweiligen therapeutischen Philosophien:

„Du simulierst die Akzeptanz deiner Entstellung […] Kurz: Du versteckst dein Verstecken. […] Die L.A.R.V.E. hilft uns bei der Entscheidung, uns in aller Öffentlichkeit zu verstecken.“ [Joelle]

Sie bringen dir also bei, deine Nichtakzeptanz zu akzeptieren, in dem Verband, ja?“ [Gately}

„… Für viele Formen des Selbsthasses gibt es keinen Schleier. Die L.A.R.V.E. hat viele von uns Dankbarkeit gelehrt, dass es wenigstens für unser Aussehen einen Schleier gibt.“ [35][Joelle}

D.F.W selbst jedenfalls hat nichts Komisches schreiben wollen, als er sich an den Roman machte. „I set out to write a sad book“, sagte er, und wenn ich es ihn in der entsprechenden Videoaufzeichnung von 2003 schwitzend sagen höre, glaube ich ihm, so wie ich diesem übersanft, überintelligent und überverletzlich wirkenden Menschen praktisch alles glaube. Die Ernsthaftigkeit quillt ihm aus allen Poren. Er habe allerdings nicht schlecht gestaunt, als Freunde sich gebogen hätten vor Lachen und das alles saukomisch gefunden hätten, sagte er.
Merkwürdig ist die Scheu der Rezensenten, Highbrow-Besprecher usw. angesichts der unübersehbaren und dominanten Leidens-, Schmerz-, Grausamkeits- und vor allem Ekelintensität. Vieles vermeintlich Groteske ist ja eben nur darum grotesk, weil die meisten so etwas nicht erleben, aber ahnen, dass es das gibt und auch für sie geben könnte, das Herausfallen aus dem ‚normalen‘ Erfahrungshorizont [oder die Erkenntnis, dass es einen solchen gar nicht gibt], das Erlauschen der Töne eines Erlebenskanons, aus dem man lieber nichts hören will. Die Bizarrerie dieser Effekte ist sehr relativ, da sie auf Abwehrbereitschaft fußt. Weshalb einige Menschen  – denen es gut geht und die darum weniger glauben, an das vermeintlich Abseitige denken zu müssen – etwas schneller grotesk finden werden als andere. Da z.B. in vielen Büchern und insbesondere Filmen derlei  Schlimmes oft so harmlos[36] bis fast aseptisch erscheint, auch das, was entschieden schlimm wirken soll [was mich regelmäßig ärgert], bin ich froh, dass bei D.F.W. anderes möglich ist, ohne Ekel und Gewalt zum Selbstzweck zu machen oder sie völlig auszusparen. Eine Beschönigung ist unzulässig, nicht wahr? Warum dann nicht so:

Leise Geburtsschreie entweichen am braun glasierten Stiel vorbei, die erstickten, gehinderten Laute absoluter Aphonie, die Schnapper gestrandeter Fische, die in Träumen mit Sprachlosigkeit einhergehen […]; hinter seinen flatternden Lidern sieht der […] aphrastische Rebell […] die Leinenschürze seiner Mutter, ihr liebes rotes Gesicht über seinem Gitterbett, selbst gemachte Schlittschuhe und dampfenden Cidre […] und der Fluss Sainte-Anne ist ein Lichtband von unaussprechlicher Reinheit; und als der trepanierende Stiel mit wunderlichem, tiefem, vollem, heißem Kitzeln Leistenkanal und Grimmdarm navigiert, mit einem grunzenden Stoß seine Passage vollendet, hinten in Luciens roter, klitschiger Unterhose eine öbszöne erektile Beule bildet, dann die Wolle durchstößt, Bodenplatte und Fußboden  […] durchbohrt und ihn vollständig aufgespießt auf den Knien aufrecht hält […], als Lucien endlich stirbt [… ], die sterbliche Hülle endlich ablegt,  Darm und Kehle heil, rein und unbehindert zurückerhält und frei ist, mit Höchstgeschwindigkeit über Gebläse und Glaspalisaden der Konvexität nach Hause katapultiert wird und nach Norden schwebt, stößt er einen glockenhellen und fast mütterlich besorgten Ruf zu den Waffen in allen bekannten Zungen der Welt aus.[37]

Das Buch erscheint überall als überausführlich, scheint aber nirgendwo etwas direkt zu berühren, dachte ich länger, auch in der größten Drastik nicht,  fast als wäre es mit enzyklopädischen Pinzetten oder durch eine Membran hindurch geschrieben, die sich bauscht und beult wie Joelles Schleier, durchmixt mit Straßen- und allerlei anderen Jargons und Fachsprachen, die eine eigentliche Berührung des Stoffes autorseits zu verhindern scheint, was den Leser mit dazu zwinge, dieses so entstehende sogreiche Vakuum selbst zu füllen. Was davon klar abweicht, insbesondere die gegen Ende ja dominante Figur des aufgrund seiner in dieser Hinsicht entbehrungsreichen Jugend  seiner Muttersprache nicht sonderlich mächtigen Don Gately[38], gehört wohl tatsächlich einer jüngeren Schaffensschicht an als etwa die intellektuell hyperplasierte, aber emotional verarmte Kopfwelt Hal Incandenzas, der stellvertretend stehen soll für die von aufgeblähtem Faktenwissen und gedankenlosem, fast wie betäubtem „consumerism“ geprägte „Anhedonie“ der US-amerikanischen Jugendlichen oder der US-Amerikaner überhaupt. Diese Verarmung führt dazu, dass Hal

[wie] die meisten Nordamerikaner seiner Generation weit weniger über den Grund seiner Einstellung zu bestimmten Gegenständen und Neigungen [weiß] als über diese Gegenstände und Neigungen selbst.[39]

So kommt es auch, dass er staunt:

In letzter Zeit kam es mir jetzt manchmal wie ein schwarzes Wunder vor, dass sich Menschen tatsächlich intensiv für ein Thema oder ein Ziel interessieren konnten. […} Vielleicht wollten wir ums Verrecken alle unser Leben für etwas hingeben. Gott oder Satan, Politik oder Grammatik, Topologie oder Philatelie. Der Gegenstand war ephemer angesichts dieses Willens zur bedingungslosen Hingabe. An Spiele oder Spritzen, an einen anderen Menschen. Es hatte etwas Rührendes.[40]

Das Hineingezogenwerden gewaltsamer Art, das Ausfüllenmüssen der Leere [der Bösen Brust] mit eigenem Ekel, Empathie oder Angst bleibt jedoch in allen Strängen erhalten und ist für mich das eigentlich Besondere an dem Roman – über eine solch aberwitzige Strecke und vorwärts gelockt von solchem Einfallsreichtum, den ich einem einzelnen Verfasser kaum zugetraut hätte. Aber  eben, das Buch ist nur zum Schein gerammelt voll; es ist leer. Es gibt kein Lächeln, es gibt kein Streicheln, es gibt keine schöne Geste, die nicht auch etwas Ungutes oder sehr Unsicheres hätte; es gibt praktisch nichts, was nicht ein böses Ende nähme. Etwas Heiles oder auch nur Unverdächtiges ist innerhalb dieses Kosmos kaum vorstellbar. Den Roman erlebe ich als eine Aufforderung: zu denken, zu fühlen, zu fragen, das Entsetzen angesichts der Selbsterkenntnisse auszuhalten, die der Text einem jeden aufmerksamen und aufrichtigen Leser abfordert[41], also beherzt in den Spiegel zu schauen –  und nicht nur zu konsumieren. Was in der Praxis bedeutet, sich nicht von anderthalbseitigen Sätzen schrecken zu lassen.
Gut, das alles ist nicht neu; darum geht es auch in anderen Texten und letztlich immer in der Literatur. Nirgendwo jedoch [bislang] so, dass es mich derart überwältigt hätte.
Es soll hier aber nicht so erscheinen, als hätten mich nur Leidensdarstellungen interessiert. D.F.W.  beherrscht auch die ganz gewalt- und ekelfreie Poesie in bildgewaltiger und zuweilen  aphoristischer Schönheit, so etwa wenn jene Musik während der Sendung erklingt, die Madame Psychosis und ihre Weisheiten ausstrahlt:

Die Hintergrundmusik ist sowohl vorhersehbar als auch innerhalb der Vorhersehbarkeit überraschend: Sie ist periodisch. Sie deutet Entfaltung an, ohne sich zu entfalten. Sie führt bis zu jener Unvermeidlichkeit, die sie leugnet. Sie ist kolossal digital. Hat aber ein Chorbouquet. [Wenngleich] nichtmenschlich. Mario fällt das Wort schwermütig ein […][42]

Wenn Orin Incandenzas Erlebnisse beim Sport innerhalb der „zone“ sich ähnlich rauschhaft schildern:

… der Sog, den das Punting auf ihn ausübe, habe nicht nur mit Sport zu tun, auch etwas Emotionales, oder, wenn das Wort noch erlaubt sei, Spirituelles spiele mit hinein: eine Negation des Schweigens: über 30000 Stimmen, Seelen, vereinten sich beim Beifall zu Einer Seele. Die Zahlen waren geschätzt. Die Raserei. Er dachte laut. So totale Publikumsappelle und – acclamationen, dass sie numerisch nicht mehr zu unterscheiden waren, sondern zu einem einzigen koitalen Stöhnen verschmolzen, einem großen Vokal, dem Laut des Mutterleibs, dem amniotischen flutwellenartig ansteigenden Gefühl einer Stimme, die die Gottes sein mochte.[43]

Wenn selbst die Darstellung der Beziehungsunfähigkeit Orin Incandenzas in eine melancholische Schönheit getaucht ist:

Es geht nicht um Eroberung oder Einnahme mit Gewalt. Es geht nicht um Drüsen, Instinkte oder die Sekundenbruchteile lang erschauernde Oknophilie des Selbstverlusts; auch nicht um Liebe oder darum, wessen Liebe man im tiefsten Inneren ersehnt, von wem man sich verraten fühlt. Nie und nimmer um Liebe, die den mordet, der sie braucht.[44]

Wenn D.F.W. bei der Beschreibung des corpus delicti selbst schließlich – naturgemäß – erst recht keine Hemmungen mehr kennt:

Immerhin die augenscheinlich reinste und raffinierteste nur vorstellbare Lust, Rémy. Das neuronale Destillat, könnte man sagen, von Orgasmen, religiösen Verzückungen, ekstatischen Drogen, Shiatsu, knisternden Kaminfeuern an Winterabenden – die Summe aller nur erdenklichen Gelüste, zu einem Strom destilliert und verfügbar auf das Umlegen eines Hebels hin. Tausendmal pro Stunde. Nach Belieben.[45]

Von Beginn an waren es nicht nur ganze Absätze oder Seitenfolgen, sondern auch Satzhälften, Wortkombinationen, Einzelformulierungen, die mich trafen wie etwas so noch nie Gesehenes – oder manchmal wie etwas so sehr wohl Gesehenes, das mich jedoch sowohl tröstete als auch erschreckte, von einem anderen zu lesen. So etwa die „mentholierte Herbstluft“[46] oder die „Äthylschärfe des Winters“[47], „das schräge Lindgrün von Insekten auf der Windschutzscheibe“[48]; „die leere Intensität der Augen von Menschen, die eines gewaltsamen Todes gestorben sind“[49]; „die übertrieben vernünftigen Töne, die jedem ausgewachsenen Zoff vorangehen“[50]; „das Gesicht seines Vaters“ als „fünfte Wand jedes Zimmers“[51]; die Vorstellung, ein „Thema aufgebahrt liegen[zu]lassen“[52]; „in sinfonischer Summe die Gedanken der Lebenden [zu] hören“[53]. Schließlich Fragen wie „Kann das aufgemalte Lächeln einer Maske breiter werden?“[54] oder erschütternd wahre Sätze ohne jedes Fragezeichen, wie: „Süchtige haben keine Beziehungen, sie nehmen Geiseln.“[55] Selbst Kalauer vom Typ „Fellatio“ als „italienische Oper“[56] oder so zu schielen, als könnte man „mitten in der Woche stehen und beide Sonntage sehen“[57] erzeugen nicht nur wissendes Schmunzeln, sondern auch ein erkennendes Stutzen, jenes Dauerstutzen, das der gesamte Roman von vorn bis hinten bereithält und das hinter jeder umgeschlagenen Seite lauert.

Nach der Lektüre eines langen Artikels im The New Yorker über D.F.W.s Biografie wird sehr deutlich, dass der erste Eindruck nicht getrogen hat, hier sei nicht etwa ein zynischer Pop-Literat am Werke, wie manche zunächst dachten und viele auch noch heute denken, sondern dass hier Persönliches mitverhandelt wird, dass es daraus nur so schreit, dass D.F.W. gewissermaßen ums Überleben geschrieben hat – nach schon früh aufgetretenen depressiven Zusammenbrüchen und nach einem Entzug von Alkohol, Marihuana, Narkotika etc. in einem halfway house, einer Reha wie dem Ennet House. „I will be a fiction writer again or die trying“, beteuerte er während der Niederschrift seines zweiten Romans Infinite Jest.
Der selbstverlorene, bindungs- und empfindungsunfähige Hal Incandenza, der an einer Art psychischen Locked-In-Syndroms zu leiden scheint, beherrscht einen formal kühleren Erzählstrang, der kontrastiert wird von Ihrer „Lieblingsfigur“ Gately, der – später hinzugekommen, gemeinsam mit den Bostoner AA, NA und manchen Bewohnern des Ennet House – für mich eher den heroischen und hochmoralischen Herzblutstrang bildet. Beide bilden Hälften eines klaren alter ego und sind stark autobiografisch, auch wenn es in der Literaturwissenschaft zumindest lange verpönt war, dem Autor beim Schreiben Schilderungen seines Seelenlebens zu unterstellen[58]; überdies ist dieser Text von D.F.W. selbst durchaus zur ebenfalls verpönten ‚identifikatorischen Lektüre‘ freigegeben. Seine Aufgabe sei es, „to comfort the disturbed and disturb the comfortable“.
Er sagte aber auch: “Think of the old cliché[59] about quote the mind being an excellent servant but a terrible master. This, like many clichés, so lame and unexciting on the surface, actually expresses a great and terrible truth. […] It is not the least bit coincidental that adults who commit suicide with firearms almost always shoot themselves in: the head. They shoot the terrible master. And the truth is that most of these suicides are actually dead long before they pull the trigger.“
Die Unmöglichkeit, diese Qual jemandem mitzuteilen, sei Teil des Zustands und verantwortlich für seinen eigentlichen Schrecken.
Darum ja nehmen seine unglaublichen Schilderungen zum Thema Sucht, Selbsthilfegruppen und  die klinische Depression, dieses schlimmste Symptom, dieser Logarithmus allen Leidens“[60]auch solch großen Raum ein und bilden den eigentlichen Kern. Dabei versteht sich D.F.W. nicht nur auf die barocke Form; manche Sätze schneiden gerade durch ihre treffende Einfachheit tief ins Fleisch. Nichts charakterisiert für mich das Wesen eines Rausches besser als die folgende Beobachtung:

Was immer ein klingelndes Telefon besagen mochte, es wurde quasi total überwältigt von der überwältigenden Tatsache des Klingelns.[61]

Hier erlebte ich D.F.W. sofort weniger als formale Konzepte balancierenden literarischen Mathematiker denn als jemanden, der unverstellt aus eigener Erfahrung schreibt. Das kann man so nicht nur recherchieren, dachte ich vor mich hin, war aber zunächst noch unsicher. Darum ist eine der ergreifendsten und gelungensten Langszenen des ganzen Romans für mich nicht umsonst der über viele –zig Seiten währende und einem Finale ähnliche Fieber- bzw.- Schmerztraum des angeschossenen, intubierten und daher sprachlosen Gately, der „die scharfe Kante jeder einzelnen vorbeischleichenden Sekunde [spürt]“[62]– samt Halluzinationen oder wahlweise Geisterscheinungen[63] – , der sich für Gately auf die Frage hin zuspitzt, ob er es schaffen wird, trotz indizierter stärkster Schmerzmittel, die einen Rückfall in die Sucht verursachen könnten, dem Demerol und anderen Narkotika bzw. Analgetika erfolgreich zu widerstehen[64], was ihm gemeinsam mit seiner Verletzung im ‚heroischen‘ Kampfeinsatz eine Art Heldennimbus verleiht. Wobei dieser Heroismus mit medizinischen Augen betrachtet  unnötig wäre und selbstschädigend ist.[65] Sturkopf Gately jedoch sagt sich Folgendes – und spricht dabei eine universelle Wahrheit aus:

Ein einzelner Augenblick davon ist nicht unerträglich. […] Unerträglich ist nur der Gedanke an all die Augenblicke, die sich aufgereiht vor ihm erstrecken. […] Alles Unerträgliche ist im Kopf, weil der Kopf nicht in der Gegenwart verweilt, sondern die Mauer hochklettert, Erkundigungen einzieht und mit unerträglichen Nachrichten zurückkommt.[66]

Angefangen hat es anders. Da waren die Drogen noch „das fehlende Stück im Puzzle“[67]. Auch Joelle van Dyne, die im unentstellten Zustand eine „phylogenetische Angst vor übermenschlicher Schönheit“[68] hervorrief, fühlt sich nach dem Säureunfall durch das Crack-Rauchen „geschützt von Grenzen, entschleiert und geliebt, beobachtet, allein, fähig und weiblich, erfüllt, gleichsam einen Augenblick lang von Gott gesehen“[69], auch wenn sie weiß: „Als ihre Hände damals bei diesem Teil des Aufkochens zu zittern anfingen, wusste sie, dass sie das mehr mochte, als man etwas mögen und überleben kann.“[70]
Alle Anfangsseligkeit ist schnell vorbei. Wer es schaffen will, wird von den rigiden [und offenbar theoretisch nicht haltbaren, aber praktikablen] Ideologien[71] der Selbsthilfegruppen, insbesondere der Metro-Bostoner AA und der NA, denen der Alkoholiker, Filmemacher und Enfield-Academy-Gründer James O. Incandenza  eine „humorlose evangelikale Tollheit“[72] bescheinigt,  dazu  angehalten, in jeder Hinsicht zu kapitulieren und sich von einem deutlich nüchterneren Gott gesehen zu wähnen:

Wunder gehört zu den Begriffen der Bostoner AA, die [Neulinge] schwer verdaulich finden, wie in Wir alle hier sind Wunder oder Geh nicht fünf Minuten, bevor das Wunder geschieht oder 24 Stunden lang nüchtern zu bleiben, ist ein Wunder.“[73]

Hier ist D.F.W. oft ganz Herzblut-Realist mit grellem aufklärerischem Anstrich, wenngleich nie – gerade hier – ohne seine Hinterfotzigkeiten. „Vielleicht verleugneten diese Fliegen ihre Flügellosigkeit“[74] , sagt sich z.B. Gately über die vom Ziehvater M.P. in seiner Kindheit habituell verstümmelten Tiere. Bei den AA usw. geht die  Unterwerfung so weit wie nur möglich[75]:

Es dürfen keine kalkulierten Pointen sein, und es muss die unverzerrte und ungeschützte Wahrheit sein. Und maximal unironisch. Ein Ironiker bei einem Treffen der Bostoner AA ist eine Hexe in der Kirche. Ironiefreie Zone. Dasselbe gilt für ausgepichte, verlogene, manipulative Pseudo-Ehrlichkeit. Ehrlichkeit mit Hintergedanken kennen und fürchten diese zähen, gezeichneten Leute, denn sie alle erinnern sich nur zu gut an das Kokettieren mit der Ehrlichkeit und an die selbstgebauten Bollwerke, die sie errichten mussten, um da draußen unter der unablässigen Neonflasche weitermachen zu können.[76]

Es gibt jedoch nicht nur optimistische Schilderungen des drogenfreien Zustands, was vor allem natürlich der Tatsache geschuldet ist, dass die Süchte der jungen Tennisspieler eine sich in fortgeschrittenem Stadium befindliche Konsum- und Leistungsgesellschaft spiegeln sollen, in der alle nur noch – wie Maschinen – funktionieren und zu diesem Zweck mit größter Selbstverständlichkeit zu Drogen greifen:

Meist ist nicht groß, was passiert mit denen, die es brauchten und aufgegeben haben. Sie sind aufgestanden und zur Arbeit gegangen und nach Hause gekommen und habe gegessen und sind ins Bett gegangen und aufgestanden, Tag für Tag. Aber tot. Wie Maschinen; du konntest praktisch die Aufziehschlüssel sehen, die sie im Rücken stecken hatten. Du hast ihnen in die Karten gesehen, und etwas war weg. Die lebenden Toten. Sie liebten es so sehr, dass sie es brauchten, und sie gaben es auf, und von da an warteten sie auf den Tod. Drinnen war irgendwie alles vorbei.[77]

Sehr interessant fand ich dabei auch einen anderen Aspekt, geht es doch nicht nur um Süchte, die an Substanzen gekoppelt sind;  nein, auch der Erfolg und der Ruhm werden vom Academy-Guru Lyle als um nichts weniger eine Sucht denn andere Süchte behandelt. Über den Kick, berühmt zu werden, sagt Lyle:

Vielleicht haben sie das zuerst gefühlt. Bei der ersten Fotografie, der ersten Zeitschrift, die Woge der Genugtuung […], die Hagiographie des Bildes, vielleicht. […] Danach, das kannst du mir glauben, glaub mir: fühlen sie nicht mehr, wonach du dich verzehrst. Nach der ersten Woge kümmert sie nur noch, ob sie […] unbeholfen oder unvorteilhaft wirken, oder ob ihre Privatsphäre, der zu entkommen du dich verzehrst, ob das, was sie ihre Privatsphäre nennen, verletzt wird. Etwas verändert sich. Nachdem das erste Foto in Zeitschriften erschienen ist, genießen berühmte Menschen ihre Fotos in Zeitschriften nicht mehr, sie fürchten eher, dass die Zeitschriften keine Fotos mehr bringen könnten. Sie sitzen in der Falle, genau wie du.[78]

Beneidet und bewundert zu werden, ist kein Gefühl. Auch Ruhm ist kein Gefühl. Es gibt Gefühle, die mit dem Ruhm zu tun haben, aber die sind kaum je angenehmer als die Gefühle, die mit dem Neid auf Ruhm zu tun haben. [….] Ruhm ist nicht der Ausgang aus irgendeinem Käfig.[79]

Auch der „Quadrupel-Agent“ Rémy Marathe äußert sich ähnlich:

Das Siegen aus dem Nichts heraus hat einen erschaffen. Man muss weiter gewinnen, um die Liebe und den Zuspruch am Leben zu erhalten.[80]

In diesem – zu Recht – erweiterten Sinne ist in diesem Buch und wohl auch jenseits davon nahezu jeder süchtig nach irgendetwas, was einerseits wiederum die O.N.A.N.istische Konsumgesellschaft charakterisieren könnte, wie etwa Marathe argumentieren würde, oder das Wesen des Menschen generell, die conditio humana, wie Gegenagent und Philosophierpartner Hugh Steeply wohl dagegenhalten und ein Recht darauf postulieren würde, im Sinne der freien Selbstbestimmung.

Am Ende bleibt das gewichtigste und autobiografischste aller Themen des Romans: die klinische Depression.

Durch den autoritativen Begriff psychotische Depression fühlt sich Kate Gompert besonders einsam. Speziell durch das psychotisch. Man muss sich das folgendermaßen vorstellen. Zwei Frauen schreien vor Schmerz. Die eine wird mit Stromschlägen gefoltert. Die andere nicht. Die mit Stromschlägen gefolterte Schreiende ist nicht psychotisch: Ihre Schreie sind den Umständen angemessen. Die nicht gefolterte Schreiende ist dagegen psychotisch, denn die Außenstehenden, die die Diagnose stellen, sehen keine Elektroden und messen keine Stromstärke. Mit das Unangenehmste […] ist die Einsicht, dass ihre Schreie gewissen Umständen vielmehr völlig angemessen sind, zu deren besonderem Charme es gehört, für Außenstehende nicht nachweisbar zu sein. Daher die Einsamkeit. Es ist ein geschlossener Kreislauf: Der Strom wird drinnen produziert und resorbiert.[81]

Die Einsamkeit Depressiver allen anderen Menschen und auch dem medizinischen Personal gegenüber, das mit euphemistischen Phrasen operiert, schildert D.F.W. auch hier mit einem Seitenhieb auf die Psychomaschinerie, dass es im Wortsinne wehtut, eben weil es nicht um das hier zitierte infantil-verharmlosende „Wehtun“ geht.Kate Gompert, die exemplarische Depressive des Romans, korrigiert ihren Arzt / Psychologen:

{Sie] starrte einen Punkt über ihrer linken Schulter an. „Ich wollte mir nicht wehtun. Ich wollte mich umbringen. Das ist doch wohl ein Unterschied.[82]

Zugegeben, aus der Rückschau ist man immer klüger und kann nicht wissen, was man gedacht hätte, wenn D.F.W. heute ein glückliches und zufriedenes Leben führen würde[83]. Grundsätzlich vom Suizid her zu denken, ist ungerecht. Dennoch sprang mich bei der Lektüre von Beginn an die Anzahl der gewaltsamen Tode an – man kann die Toten fast, bildlich gesprochen, vom Wegesrand sammeln, die Suizide, selbstgefährdende und selbstverletzende Handlungsweisen und dergleichen. Es fiel auch auf, dass immer dann, wenn es um Depression ging, D.F.W. auf jegliche Verspieltheit der Sprache verzichtete und sich seine Sätze fast lasen wie ein im Ton recht nüchtern gehaltener Erfahrungsbericht oder eine Aufklärungsbroschüre. Da wurde es dem Gefühl nach ungeheuer 1:1, regelrecht brenzlig, so dass es mich aufrichtig wundert, dass offenbar niemand unter den professionellen Lesern[84] diese Textstellen als Signale verstanden hat. Dass dies in der Literaturwissenschaft untergangen sein dürfte, verwundert mich dabei am wenigsten. Da sind Autoren nicht Menschen, da sind sie Erzähler. Auch wenn sie so schreiben:

Der sogenannte psychotisch Depressive, der an Suizid denkt, tut dies nicht aus Zitat „Hoffnungslosigkeit“ oder der abstrakten Überlegung heraus, dass sich Soll und Haben des Lebens nicht ausgleichen. Und schon gar nicht, weil der Tod plötzlich reizvoll erscheint. Die Frau, in der Seine unsichtbare Höllenqual ein bestimmtes unerträgliches Niveau erreicht, bringt sich aus demselben Grund um, aus dem ein eingeschlossener Mensch am Ende aus dem Fenster eines brennenden Wolkenkratzers springt. […] Nicht der Sturz lockt an, sondern das Feuer schreckt ab. Trotzdem kann niemand unten auf dem Trottoir, der hochsieht und „Nicht!“ und „Halt durch!“ brüllt, den Sprung verstehen. Nicht wirklich. Man müsste selber eingeschlossen gewesen sein und die Flammen am eigenen Leibe erfahren haben, um das Entsetzen zu verstehen, das größer ist als die Angst vor dem Fall.[85]

Seit ich Bruno Ganz  habe lesen hören, meine ich auch die Stellen, die er nicht gelesen hat – so wie diese – von seiner Stimme getragen[86] zu wissen, wobei ich das gar nicht kann, denn sein Vortrag war gründlich durchdacht. Die Stimme aber bleibt.
Ich danke ihm für seinen wunderbaren Lesestil und für alles, was im Ohr nachhallt. Allein wie er sagte: „Warte!“[87] Beim ersten Mal vermittelte es eine Ahnung und einen Anreiz, sich dem Buch zu stellen. Beim zweiten Mal habe ich sie Auswahl besonders sprechender Stellen genossen, die man allerdings wohl nur dann voll würdigen kann, wenn man Infinite Jest gelesen hat. Sonst ermisst man es nicht ganz:

Dieses Buch ist grausam wahr.


[1] , [Bezieht sich auf Artikelüberschrift.] S.369  Hal zu Mario über deren Vater James O. Incandenzas Mikrowellen-Suizid bzw. seine spontane Empfindung beim Auffinden der Leiche. Eines dieser Beispiele, wo Pietätsvorstellungen nicht mit dem übereinstimmen, was Physik und Chemie produzieren. Gebackenes Hirn (selbst wenn explodiert) mag nun einmal köstlich riechen. Nur denken oder sagen darf man es kulturellen Verabredungen gemäß, die mit Würdevorstellungen und daher mit Angst einhergehen, nicht. Worüber Hal sich angesichts seines verarmten Sozialrepertoires hinwegsetzt. Falsch oder schwer nachzuvollziehen macht das seine Sinneswahrnehmung damit allerdings noch lange nicht. Einer dieser schmalen Grate, auf denen D.F.W. gern bewusst daneben balanciert.

[2]  [Bezieht sich auf zweite Artikelüberschrift.] Obwohl die deutsche Übersetzung nicht umsonst preisgekrönt ist, bevorzuge ich den unendlich viel eleganter klingenden englischen Titel, der ja auch ur-englischen Ursprungs ist.

[3] Zitat David Foster Wallace, den ich im Folgenden als D.F.W. abkürze

[4] von D.F.W gern benutztes Wort, das es für mich besser trifft als ein deutsches

[5] Literatur-Junkies inklusive

[6] Einen habe ich gefunden, der die Lektüre durchgehalten hat: ein depressiver Drehbuchautor von TV-Krimis, für den D.F.W. seit der Lektüre sei „wie ein Bruder“. Sein Beitrag innerhalb einer Debatte über diesen Roman, in der ein paar Ahnungslose fürchteten, depressive Autoren könnten depressives Gedankengut verbreiten, was aber gar nicht so gut für die Menschheit wäre, lautete wie folgt:

„Es ist wirklich ein unendlicher Spaß, sich diese Ansammlung von teilweise doch sehr verschmockten und diskriminierenden Kommentaren anzutun. Wie viele Seiten darf ein Depressiver denn schreiben? Nicht mehr als 250? Darf ein Depressiver überhaupt mit seinen kranken Gedanken an die Öffentlichkeit? Schlagt doch ARTE oder 3SAT eine TV-Show vor, die DFW sicher gefallen hätte: KÜRZT DEN WALLACE! Die Kandidaten schneiden so viele Sätze und Wörter aus den Buchseiten wie sie können und fressen die Papierschnitzel dann auf. Wer als erster an inneren Blutungen verreckt, weil die scharfen Papierränder seine Magenwände aufgeschlitzt haben, hat gewonnen.“ Die Idee sei, klar, von Umberto Eco, passe aber auch hier.

[7] S.290-93, über Erkenntnisse, die man im Ennet House gewinnen werde.

[8] Soweit ich in Erfahrung gebracht habe, hatte der Roman ursprünglich sogar beinahe den doppelten Umfang, woraufhin der Lektor etwa die Hälfte herauskürzte.

[9] S.401:„Gelegenheitsdealer sehen sich nie einfach nur als Gelegenheitsdealer, so wie Huren sich nie als Huren sehen.“ Möchtegerns sehen sich auch nie als Möchtegerns, möchte ich anfügen.

[10] Für mich ist Kunst immer dann uninteressant, wenn ich vorher genau weiß, was nicht passieren wird.

[11] Dies könnte man auch anzweifeln angesichts von Figuren wie Mario Incandenza, dem Guru Lyle oder angesichts der Liebesphantasien bzw. -halluzinationen Gatelys gegen Ende des Buches, die in diesem Kontext unerwartet zart wirken. Aber Gately ist eben auch der einzige klassische Held und ‚darf‘ das daher wohl.

[12] Es stellt sich natürlich die Frage, ob es eine Wahrheit gebe, die nicht grausam sei.

[13] Burns, Stephen. David Foster Wallace’s Infinite Jest. A Reader’s Guide. Continuum Contemporaries, 2003

[14] Bis auf das O.N.A.N. (!)-Gesamtszenario vielleicht.  Ganz sicher vom Informationszeitalter bzw. der Internet-Ära überholt und damit in diesem Sinne unrealistisch ist natürlich die Kommunikations-Technik.

[15] S.437, der Kollaps von Poor Tony

[16] einer der zentralen Begriffe nicht nur der Bostoner AA und diverser Psychologien,  sondern auch auf allen Ebenen des Romans

[17] allein die vielen Suizide, die vielen Vater-Sohn-Problematiken, die mehrfach als Frauen verkleideten Männer, die wiederholte Sprachlosigkeit z.B. – wie etwa bei Hal oder hier: Gately erkennt, dass „die unterdrückte Panik, keine Fragen zu stellen und  das Gesagte nicht kommentieren zu können, so schlimm ist, dass sie den Schmerz quasi übertönt.“ S. 1186, Gately im Krankenhaus.

Bei D.F.W. kommt ein Unglück selten allein; sehr oft spiegelt es sich in irgendeinem Teil des Sub-Plots nach dem Prinzip der Selbstähnlichkeit.

[18] Zumal sie wohl den Königsweg zur Ernsthaftigkeit darstellen, Urängste spiegelnd, schon bei sog. Naturvölkern – und bei Kindern. Ich habe nur oft den Eindruck, es wird gern vergessen, worin wiederum ja seine Funktion liegt.

[19] In Infinite Jest ist explizit die Rede vom „amerikanische[n] Faible für Absolution via Ironie“ (S.557). Auch in Interviews und Essays wird D.F.W. nicht müde, diesen Punkt zu betonen als einen der Hauptmotoren, die ihn trieben.

[20] S.539  Hier geht es um jenes Mädchen („Es“), das missgebildet, unterentwickelt und komatös zur Welt gekommen  ist  (auch diese nach dem Prinzip der Selbstähnlichkeit nicht die einzige Gestalt dieser Art; Rèmy  Marathes Frau z.B. verharrt ebenfalls in einem vegetativen Zustand) und von seinem Vater habituell sexuell missbraucht wird, wobei die gesunde Schwester ebenso regelmäßig Zeugin ist – und darüber zur Süchtigen hat werden müssen, ihrer Ansicht nach. Diese Stelle hat mich darum so berührt, weil hier einem Organismus eine die Betrachterin tief ängstigende Lust zugesprochen wird – zumal in einer Missbrauchs-Situation – , die es aus rein biologisch/physiologischen Gründen eigentlich nicht empfinden könnte, genauso wenig wie das Mädchen Adèle (meine Romanheldin) dies angeblich kann, da zwar gesund, aber nichtsdestoweniger noch ein Kind und als solches nach Mehrheitsmeinung unfähig zu erotischen Empfindungen Erwachsenen gegenüber. Per ethisch korrektem Dekret beschlossene Sache. Das mag noch so autobiografisch grundiert sein; im Zweifelsfall gilt: So kann es nicht gewesen sein. Da wird einem regelmäßig die eigene Geschichte abgesprochen. D.F.W. nimmt sich vieler solcher No-Go-Motive an, mit erkennbarem Spaß daran, Unerhörtes, Undenkbares, eben völlig Unkorrektes zur Szene zu machen – in provozierender Selbstverständlichkeit, sehr zu meiner Freude, insbesondere den vielfachen und vielfältigen  Missbrauch Minderjähriger. Ich wundere mich darüber, dass dies nicht häufiger angesprochen wird, von Rezensenten etwa. Die Gründe allerdings liegen auf der Hand.

[21] S.148 Gedanken Hals

[22] S.1336, Gately und Fackelmann im Demerolrausch

[23] S.270, Sendung der Madame Psychosis

[24] Im Sinne von Satire

[25] S.86

[26] S.205

[27] S.547

[28] S.623

[29] S.782

[30] S.983 Matty ist der Bruder des Tennisspielers Pemulis.

[31] S.1141

[32] S.1392-1395. Was täte ich, wenn Barry Loach mich auffordern würde, ihn zu berühren – mit der Alternative, sich via Almosen davon freikaufen zu können?

[33] S.1511, Anm. 304

[34] D.F.W. lag ja genug Anschauungsmaterial vor, aus allernächstem Erleben.

[35] S.771-773 über die therapeutische Zulässigkeit des Sich-Verschleierns.

[36] z.B. die immer viel zu adretten und ‚untoten‘ Tatort-Leichen

[37] S.705, die Hinrichtung Lucien Antitois mit einem Besenstiel

[38] Der auch oft einfacher, aber umso treffender denkt. Etwas, was D.F.W. stets bewundert hat: dass einfacher gestrickte Menschen oft besser durchs Leben kämen als solche wie er selbst. Mit Gately allerdings hat er die Überwindung seiner Süchte und die Erfahrungen in einer Reha gemeinsam.

[39] S.79

[40] S. 1292, Hals Reflexionen

[41] und es solchen ohne Sucht- oder Depressionserfahrungen abnötigt, sich darüber aufklären zu lassen, in einem wirklich (primär) aufklärerischen Sinne. Gleiches gilt für den Konsumwahn.

[42] S.275, gute Beschreibung auch für D.F.W.s Schreibstil

[43] S.426 über Orin Incandenza

[44] S.816, Orin mit Luria / Schweizer Handmodell

[45] S.684, Hugh Steeply über Versuche mit dem Film Infinite Jest an Ratten und Menschen

[46] S.991

[47] S.1145

[48] S.1025

[49] S.1053

[50] S.881

[51] S. 1059, Orin über James O. Incandenza

[52] S.59, Hal

[53] S.1193

[54] S.704

[55] S.1510, Anm. 292

[56] S.912

[57] S.783

[58] Woraus soll er schöpfen? Selbst die abgebrühtesten Reißbrettschreiber von Mainstreamware kochen letztlich auch mit dem eigenen Blut.

[59] Diese Beobachtung spiegelt sich auch im Romantext: „Ein alter Bekannter meinte mal, der Verrückte Storch hätte immer gesagt, Klischees hätten ihren Rang als Klischees verdient, weil sie so offenkundig wahr seien.“ (S.1490, Anm. 234, Orin über seinen Vater)

[60] S.727

[61] S.1345, Gately über den Demerol-Rausch. Allein für diesen Satz hätte es sich gelohnt, das Buch zu lesen. Und so geht es mir mit sehr vielen Sätzen.

[62] S. 403,  Gately in Erinnerung an seine ersten drogenfreien Monate

[63] Von vielem kann er strenggenommen nicht wissen, so davon, was J.O.Incandenza ihm erzählt.

[64] In seinen schwächeren Momenten denkt er dann etwa Folgendes: „Auch wenn die Bostoner AA Stein auf Bein schwören, dass Gott kein grausamer und rachsüchtiger Figurant ist – was ist, wenn er in Wirklichkeit genau das ist? Was ist, wenn er einen nur nüchtern macht, damit man sämtliche Ecken und Kanten der Sonderstrafen, die er einem zugedacht hat, auch so richtig mitkriegt?“ (S.1285)

Wer vermag ihm zu antworten?

[65] „Grundsätzlich wird die Suchtgefahr bei medizinisch indizierter Schmerzbehandlung, auch mit Opioid- Analgetika überschätzt. Die Erfahrung zeigt, dass selbst bei langanhaltender hoch dosierter Medikation die wenigsten Menschen in eine Sucht geraten. Das betrifft psychisch Gesunde, ohne Suchtaffinität. Ehemalige Suchtkranke werden in punkto Schmerzmedikation im akuten Fall gleich behandelt, sprich im Vordergrund steht die nötige Schmerzbehandlung, auf eine Suchtproblematik wird nur sekundär Rücksicht genommen, so lange eine Alternativmedikation (bspw. mit Nichtopioid-Analgetika) ausreicht“, sagt eine befreundete Medizinerin.

[66] S. 1236/7, Gatelys Selbstermahnung

[67] S.505

[68] S.407

[69] S.339

[70] S.341

[71] Da würde mich interessieren, wie realistisch das alles geschildert ist. Die Anmutung ist: sehr realistisch.

[72] S.1206

[73] S.522

[74] S.1211

[75] wenn auch in anderer Sache

[76] S.533, über die Regeln. Weiter heißt es: „Dazu muss man noch wissen, dass neben Ironie auch Kausalzusammenhänge für Verpflichtungsredner tödlich sind.“ (S.535)

„Das Warum der Krankheit ist ein Labyrinth, das zu meiden allen AA wärmstens empfohlen wird, schließlich wird der Irrgarten von den Zwillingsminotauren Warum ich? Und Warum nicht? alias Selbstmitleid und Verleugnung bewohnt[…]“ (S.541)

[77] S.1526, Amn 321. Es spricht Pemulis zu Hal, und es geht um die „ontologische Droge“ (S.245) DMZ.. Siehe hierzu auch: S.1525, Anm. 321: „Du drehst durch, Inc. Du stirbst innerlich. Was passiert, wenn du versuchst, ohne etwas auszukommen, was die Maschine braucht? Essen, Trinken, Schlaf, O2? Was passiert mit der Maschine? Denk mal nach.“ (Vermutl. Pemulis zu Hal über DMZ-Sucht)

S. 1496, Anm 246: „Ein deprimierender neuer Nüchternenclub […], wo herzzerreißend aufgebrezelte AAs und NAs – meist neu und jung – ungelenk tanzen, vor ernüchterter Sexualangst zittern oder mit Cola […] herumstehen und sich erzählen, wie toll es ist, an einem sozial so intensiven Treffpunkt zu sein, während einem die ganzen medikamentös ungebremsten Befangen- und Gehemmtheiten durch den Kopf toben. Schon das Lächeln an diesen Orten ist ein unerträglicher Anblick.“

[78] S.562

[79] S.563 Hat er recht?

[80] S.972, Marathe über Erfolg im Sport

[81] S. 1000, Kate Gompert

[82] S.104

[83] Im Grunde ist dies derselbe Effekt, den Sie nicht müde wurden, in Bezug auf den Nationalsozialismus zu beklagen. Sehr zu Recht, wie ich finde. Dass man wisse, wie die Geschichte ausgegangen sei und alles durch diese Brille sehe, aus der Rückschau, statt, was viel fruchtbarer wäre, zu versuchen, die Sache aus dem Blickwinkel der Zeitgenossen zu betrachten, gewissermaßen von vorn. Zum Glück gibt es ja Bücher, die dabei sehr helfen. Was D.F.W. betrifft, so gibt es da nur Spärliches.

[84] Rezensenten etwa. Ein Freund von mir sagt: „Meine Güte, wie lange schon versuchen Schriftsteller die WAHRHEIT auszudrücken. Er hat es endlich getan. Und kaum jemand hat es offenbar gemerkt.“

[85] S.1000

[86] Zumal D.F.W. selbst entschieden nicht geglaubt hat, dass sein Buch zum lauten Vorlesen geeignet sei. Der Schauspieler hat bewiesen, dass es nicht nur geht, sondern auch sehr gut geht.

[87] S.1222

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