Dunkle Schwestern | Gedanken zu »Tiger, Tiger« von Margaux Fragoso

Cover von Fragoso: „Tiger, Tiger“

Die folgenden Lektüreeindrücke zu einem „Adèle“ themarisch eng verwandten Buch, das ich hier empfehlen möchte, entstammen teilweise einem Brief und sind daher fragmentatrisch:

„Tiger, Tiger von Margaux Fragoso [2011, Frankfurter Verlagsanstalt] habe ich in nur zwei Tagen gelesen – und war eben nicht bloß ‚tief berührt‘ oder ‚tief betroffen‘ wie reflexhaft so viele, die sich zur Lektüre äußerten, ob beruflich oder privat. Als Missbrauchserfahrene war ich schon gar nicht ‚tief verstört‘, sondern tief beeindruckt von dieser großen, kraftvollen Geschichte, die dschungelhaft verwunschen ist, einem bösen Märchen gleich, dabei aber knallhart prosaisch und in jedem erdenklichen Sinne heruntergestrippt auf jene Nacktheit, die Literatur für mich ausmacht. Gebannt hat mich vor allem dieser genuine Stolz, der aus jedem Satz spricht, auch aus dem allerkleinsten und allerohnmächtigsten, und der das atmet, was mit der inflationären Vokabel ‚Bewältigung‘ nur unzureichend erfasst ist. Tiger, Tiger ist die komplexe Chronik einer gelungenen Selbstbefreiung aus jener so exotischen wie entsetzlichen Geiselhaft, in der Margaux Fragoso von Peter Curran gehalten wurde.

Nur weil Letzterer ein notorischer und skrupelloser Verbrecher ist, wird darum allerdings noch lange nicht alles zur Lüge, was er sagt. Denn in zumindest einem Punkt hat er leider recht – und einige Rezensenten von Tiger, Tiger handeln genau danach, als wären sie willenlose Marionetten, die sich mechanisch ins Werk setzen, um unfreiwillig zu demonstrieren, was der Täter, der Unmensch, der Kinderschänder, über sie  – als sich ethisch intakt wähnende Repräsentanten einer Gesellschaft  – zu wissen glaubt. Zitat DER SPIEGEL:

Er nötigte sie, ihn zu befriedigen und sich seine Tiraden anzuhören über eine „verkorkste Gesellschaft“, die ihre Mitglieder so manipuliere, dass „sie etwas völlig Natürliches für ekelhaft und falsch halten“.

Dergleichen Äußerungen sind unwahr, wenn sie die sexuellen Übergriffe Peters rechtfertigen sollen. Sie sind allerdings dann wahr, wenn man sie unabhängig davon und globaler betrachtet. Dann nämlich künden sie von jener Hysterie der Wohlmeinenden, die sofort in der Luft liegt, wenn es um Kindesmissbrauch geht. Denn eines ist klar erkennbar das Hauptanliegen von Erwachsenen, die sich öffentlich zum Thema äußern: Bloß so früh wie möglich so klar wie möglich auf der richtigen Seite zu stehen und eher ein Buch anzugreifen, als sich selbst Fragen zu stellen oder auch nur genau zu lesen.  Es geht ihnen nicht um die Kinder. Es geht ihnen um ihr Bild von sich selbst.

So verwundert es (leider) nicht, dass sich etwa die F.A.Z. ereifert:

Ob Margaux Fragoso die Manipulationen, denen sie unterworfen war, heute durchschaut, verrät ihr Buch nicht. Denn in ihrer ungebrochen naiven Erzählhaltung dominiert die emotionale Nähe; intellektuelle Distanzierung kommt praktisch nicht vor. […] Wohl noch nie ist ein Pädophiler mit so viel Wärme geschildert worden. Darum ist dies kein Erfahrungsbericht, der aufrüttelt, sondern eine Liebesgeschichte, die abstößt.

Auch DER SPIEGEL macht eine unzulässige „Vermenschlichung eines Pädophilen“ aus. Niemand streift sich die Schutzhandschuhe ab und berührt das Thema einmal frei. Für Betroffene sind diese Automatismen schwer erträglich, denn verloren geht zumindest die Differenzierung; im schlimmsten Fall kann es passieren, dass einem die eigene Lebensgeschichte abgesprochen wird. Dann nämlich, wenn sie noch weiter von dem abweicht, was gerade so noch toleriert wird.

Dabei distanziert sich Fragoso in vielfältiger Weise von ihrem Peiniger, der zugleich ihre einzige ‚echte‘ Bezugsperson ist –  über  Symbolik, Motivwahl und auch über Dialogteile, die dem Kind in den Mund gelegt werden, sowie – allerspätestens – über Vor- und Nachwort. Überdies ist diese „abstoßende Liebesgeschichte“ eben nicht als Liebesgeschichte im engsten Sinne geschildert, sondern ganz klar als die eines früh vereinnahmten und manipulierten Mädchens aus einer dysfunktionalen Familie – was dem Pädophilen Peter ja erst die Möglichkeit verschafft, die deprivierte Margaux mit dieser Leichtigkeit  zu ködern. Er scheint ganz genau zu wissen, wann Eltern und Institutionen versagen.

In einem Punkt gar passt Margaux perfekt ins Erwartungsmuster: Sie prostituiert sich für Geborgenheit, da sie sich von ihrem Schänderfreund trotz aller Liebe physisch abgestoßen fühlt. So sehr dies hier bzw. in den meisten Fällen zutreffen mag, so wenig darf es für mich sein, dass Tiger, Tiger nur akzeptiert wird, weil das Mädchen sich ekelt. Und dieser Verdacht besteht.

So grausam die Geschichte ist, so sehr lichtet und hebt sich alles Bedrückende jedoch zum Ende hin; die Literatur triumphiert über das Leben. Da sind sich denn alle einig. Weil es leicht ist, sich hier einig zu sein.

Anders mein Roman Adèle. Auch diese Frau schreibt ihre Geschichte auf; zum Triumph allerdings gerät das Festgehaltene nicht. Stilistisch wie inhaltlich liest sich die Erzählung besonders im zweiten Teil wie eine dunkle Schwester von Margaux; überall ähnlich und überall ganz anders zugleich – auch aufgrund der Tatsache, dass es sich nicht um „A Memoir“ handelt, sondern um einen Roman, der sich zusammensetzt wie das Scherbenbild eines Kaleidoskops, wobei die einzelnen Glassteinchen in der Regel 1:1 autobiografisch sind. Es ist die Geschichte einer ähnlichen Fehlprägung, die sich auf sämtlichen Ebenen nicht in einen Triumph hinein löst, wenngleich das Schreiben über Missbrauchsverhältnisse auf der Meta-Ebene immer einen Triumph darstellt, da es Facetten hinzufügt zu dem, was hartnäckig geleugnet wird oder ungesehen bleibt. Gerade die Sprache an ihre Grenzen zu treiben, hatte und hat einen ungeheuer kathartischen Effekt auf mich, allgemein wie insbesondere hier.“

*

Die einzig würdige [und intelligente] Besprechung zu Tiger, Tiger, die ich gelesen habe, ist jene des britischen Journalisten Michael Bywater. In selten treffender Knappheit erklärt Bywater, warum autobiografische Berichte [„memoirs“] seiner Ansicht nach nicht das Mittel der Wahl sind, sich solchen und verwandten Themen zu nähern. Ein unerschrockenes Plädoyer für die Kunst, wie man es in dieser Färbung leider kaum noch findet.
Zwar teile ich seine Ablehnung des Lebensberichts von Margaux Fragoso in keiner Weise – im Gegenteil –  allerdings führt Bywater  – ohne dies zu beabsichtigen, wie sich versteht -, die Gründe dafür an, die mich dazu bewogen haben, einen Roman im Vollsinne der Gattung zu schreiben statt einer „memoir“.

*

Nicht zuletzt aber bewundere ich den Mut des Verlegers Joachim Unseld, der sich unerschrocken einem  ‚Kreuzfeuer der Korrektheit‘ ausgesetzt hat, wie es nur bei wenigen Themen dermaßeh unerbittlich an der Tagesordnung ist wie beim Thema ‚Missbrauch‘. Hier sieht man nicht selten vor lauter empörten Blätterwäldern die Kinder nicht mehr, sobald sich jemand mal etwas traut.

*

Michael Bywater

Why this real-life Lolita has nothing to tell us
Michael Bywater on Tiger, Tiger – the miserable story of a girl’s long relationship with a paedophile
Column LAST UPDATED AT 08:53 ON Tue 29 Mar 2011

In O – The Oprah Magazine, they „dare you to turn away“ from Tiger, Tiger. Which might be a good idea. Or you could pay the extra quid and get it on your Kindle. Then you could turn the contrast right down and read it with the lights low.
But the lights are full-up on Margaux Fragoso’s memoir of love’s sickness and sexual abuse.

Perhaps it’s the literary equivalent of the recent Supermoon, when it reached its nearest point to the earth and so seemed to shine bigger and brighter. Perhaps this is the misery-memoir’s perigee, and from now on it will move away. We’ll see.
The story is simple and sad enough to be easily told. Margaux Fragoso’s mother was mentally ill and her father a remote frozen man.

Aged seven, Margaux swims up to Peter and asks him to play. He is childlike, amiable, and fond of his animals. Also 51, and a paedophile. The rest is predictable and graphic. You won’t want to look.
There are the usual caveats: the innocent complicity of the child, the existence of some odd kind of love between them, a love which, unlike Bosie’s love for Oscar, simply can not speak its name because we don’t have a precise enough vocabulary to describe it. There is sex. There are the usual mechanicals of the misery-memoir: ironical distance, an inevitably unreliable narrator presenting herself as reliable, the tools of fiction deployed as the guarantee of documentary realism.
Disturbingly, of course, Peter himself isn’t a bad sort of a chap. He represents an odd sort of comfort to Margaux.
And that is where it becomes worrying. Some truths can’t be addressed if they’re „true“. They have to be made up, and we can’t do that any more.
It’s over half a century since Nabokov published Lolita and landed himself in hot water. But now he couldn’t publish it at all.
Five years after Lolita was published, Penguin Books won the Old Bailey trial, for obscenity, of Lady Chatterley’s Lover and a brief window opened in which the novel could (we decided) properly deal with absolutely anything.
The window’s closed again. We don’t ban books now. We just don’t publish them. Marketing say no. Sales can’t push it. W H Smith won’t have it. Sorry, but no.
A novel, a work of fiction, on the same subject as Tiger, Tiger, wouldn’t have a hope. The very fact that the author thought it up would prove him a pervert, a sicko, a nonce; and who’d publish a novel by a sicko, a nonce, a pervert?
Misery-memoirs, though, are different. The unthinkable can be thought because it really, or sort-of-really, happened. Never mind the unreliability of memory; the real worry is that, with very few exceptions, memoir is based on the false proposition that life means something to people beyond the one who lived it.
It’s a fallacy. As Martin Amis said in an interview published in The Times last weekend, „Our lives actually have no shape at all and they are just one thing after the other … it’s the difference between a lady’s court shoe and your actual foot. Life is the foot.“

Books like Tiger, Tiger offer, instead of the illumination of the novelist, a false and sentimental glow of empathy with the memoriste. The moral precision and formal structure of art are missing. The book is a foot.
Misery memoir can’t do more. It can’t do art, any more than reality TV (a contradiction in terms) can do drama. Only imagination can do those.

But we don’t trust imagination any more, and that failure of trust is at the root of so many of our troubles. Once we start preferring the illusion of reality over the reality of illusion, sub-prime follows, Iraq follows, the coalition’s war on the poor and unfortunate follows. It all follows. Not Dr Fragoso’s fault, of course; she’s just the Super Moon, casting light on the darkness.

• Tiger, Tiger: A Memoir by Margaux Fragoso, Penguin. ISBN 978-0-24-195015-9

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