»Irgendwer weiß es ja doch«

Weitere Exzerpte/ Lesungen zu „Adèle“. Die Bilder stammen sämtlich von den Live-Proben. Ich bitte, darum mir die  Bildqualität nachzusehen oder – besser – darum, das noch Handwarme zu goutieren. Ales kühlt so schnell aus.
Auch handelt es sich hier noch um rein private Experimente mit Rohmaterial.

Das exzessive Langsamlesen hatte zunächst rein technische Gründe, entwickekte sich dann jedoch zu einem eigenen Formreiz – als Alternative zu den schnelleren und dem Normaltempo eher entsprechenden Video-Lesungen, die ebenfalls auf dieser Website verlinkt sind, etwa unter „Als Vorleserin“ [betrifft allerdings nicht Adèle], „Ein rätselhaftes Tier“ oder – bedingt –  „Zu Tode riechen“.

Teil des Lesetextes:

Irgendwer weiß es ja doch. Und hat recht. Es passierte zwar nicht an unserem Hochzeitstag, aber zwei Jahre später. Es war unser dritter Sommer, und ich war schon zehn. Da sprachen wir über Mann und Frau. Ich hatte es schon öfter gesehen, zumeist morgens wie jetzt, aber mich nicht getraut, es mit der Hand zu berühren. Seit ich nachher wusste, nach unserer langen Lehrstunde, was ich auch vorher gewusst hatte, wenn auch diffuser, ohne klare Umrisse von ihm oder von mir, war ich kaum noch einzuschüchtern. Ich gehorchte nicht mehr meinem Onkel, sondern meinem Wunsch. Ich wollte sehen, was geschah, wenn ich mit den Fingern darüber fuhr wie über die Adern an seinem Bein. Denn ich sah, wie das Tier, das sich nicht sonnen und nicht wirklich Tier sein durfte, sich dennoch ein wenig räkelte, warm unter dem kühlen Stoff her. Ich streckte eine Hand aus und dann einen Finger und legte die Kuppe darauf, ohne Gewicht hinein zu legen, und strich sie ganz leicht hin und her. Ich schloss die Augen, und es fühlte sich zutraulich an. Als ich wieder hinsah, begann der Stoff etwas zu spannen. Kaum sichtbar, aber für mich genug.

Ferdi schlief ruhig, bis auf seine rastlosen Augen, die unter den Lidern Bilder jagten. Mich sah er nicht. Er fühlte mich und wusste es nicht. Die Echse, die ohne Aufsicht war, nahm sich nun doch das Recht, im günstigen Moment, so unbewacht, Tier zu sein, und kroch mir neugierig entgegen. Leider in die Irre. Dort, wo ihr Kopf lag, ging es nur tiefer in den Stoff. Ich wollte sie locken, so dass sie zum Ausgang fand, aber es gelang mir nicht. Sie drängte in die falsche Richtung.

Da griff ich ein. Vorsichtig schob ich zwei Finger meiner kleinen Hand in den geöffneten Schlitz und blickte auf, um zu sehen, ob Ferdi zuckte. Aber er schlief, und wie mir schien, fester als zuvor. Der Atem ging ruhig und unbehelligt. Die beiden Finger formte ich zu einem Haken und zog in langen Sekunden das verirrte Wesen ans Licht. Ich tat es nicht schneller, als ein Chamäleon sich bewegt, damit mein schlummernder Vormund keinesfalls erwachte. Das Geschöpf wuchs in seiner faltigen Haut und wirkte aufgeregt. Seine Adern schwollen und das Herz, das es nicht hatte, schien geschwind zu pochen, auch wenn es nicht aufsprang, um sich mir in Drohhaltung zu stellen. Ich wusste, das konnte es nicht mehr. Es war alt, uralt genug, um ohne Angst liegen zu bleiben und sich meiner Hand zu überlassen. Als ich näher kam mit der Nase, roch es nach Salz und Sand und Tang, wie ich mir das vorstellte. Und nach Meerechse. Das machte nichts. Wie Ferdi mir erklärt hatte, zählten auch die Meerechsen zur Familie der artenreichen Leguane. Ich stupste das freiliegende Tier mit der Nase an und leckte behutsam darüber. Auf einmal sah es gar nicht mehr aus, als ob es fortlaufen konnte, eher wie eine Schleiche, der Augen und Gliedmaßen fehlten.

 

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