»Ein rätselhaftes Tier«

Bewegte Bilder: Es handelt sich hier noch um rein private Experimente mit Rohmaterial.Neuer Upload vom 16.2.2013:

Lesetext aus Adèle:

Das war für mich ein Zeitgewinn. Denn ich brauchte ihn nur dort stehen zu sehen, schon trat es hervor, stärker als sonst, unnachgiebiger. Wie ein heißer Knoten, mit dem ich nur schlecht laufen konnte. Aber die weichen Knie trugen.

Und bevor er wusste, dass ich da war, hatte ich ihn gepackt und zog ihn kichernd lang. Ich wusste noch nicht, wie man die fremde Haut nannte, aber so zum Greifen nah, so verlockend elastisch, da konnte ich nicht anders, nicht an jenem Tag, an dem ich es doch einmal wagte. So vollständig sah ihn ja nur am Baum, aus der Entfernung von einigen Metern. Niemals im Haus. Er sprach auch nicht darüber. Da gab es für mich kein Halten mehr. Diese besondere Haut, die sich geschmeidig dehnen konnte, schimmerte in Beigetönen, in einem warmen Pergamentbraun, wie eine Eidechse in der Sonne, die zu arglos gewesen war, um den Schwanz noch abzuwerfen, und sich nun ausgeliefert sah. Oder wie ein Leguan. Dieses Wort fiel mir später ein, als wir die Echsen durchnahmen. Bei Leguan blieb ich auch. Das Wort passte. Die Haut bewegte sich in sich selbst, zuckte und fältelte sich ein bisschen. Sie roch nach Salz und Sand, manchmal auch nach Meer. Ein rätselhaftes Tier. Aber auch ein gutes Tier.

Ferdi fiel in den Totstellreflex. Dann begann er zu zittern und wurde laut. Er ließ mich nicht gern an sich heran, doch konnte er nun nicht anders, als protestierend mit mir zu stolpern. Er fuchtelte und schimpfte. Ich machte mit und war nur das Mädchen.

Trotz einer gewissen Arglosigkeit wusste ich doch genau, warum er so auffällig zögerte. Dann, um das Spiel noch zu steigern, biss ich mich blitzschnell an ihm fest und zog mit den Zähnen. Da ging ein Schrei durch seine Augen, den ich hörte, nicht sah. Den ich nicht sehen konnte, denn meinen Kopf hielt ich gesenkt. Und schneller, als ich etwas begriff, umfasste er mit der linken Hand von unten meinen Kiefer, hielt mich so fest, damit ich mich nicht mehr bewegen konnte, und drückte mir dann Finger und Daumen der Rechten in die gespannten Mundwinkel, bis ich von ihm abließ. Ich weiß es nicht. Macht man das so mit übermütigen Welpen? Ich glaube, er hat so etwas gesagt. Aber ich hatte mehr gesehen als dass ich noch gehört hätte.

2 Kommentare

  1. Bin von diesem Text fasziniert! Bin vom Gesicht der Autorin fasziniert, stimuliert, eine geschichte daraus zu lesen. Eine Geschichte darüber zu schreiben. Aus meinen Fingern tropfen lassen. Worte finden, die noch nie so gesagt wurden …

  2. Danke für diese wunderbare Anmerkung, Marisa Levis, der in einer Sprache abgefasst ist, die ich aus oft eher tumben Leserkommentatoren quer durch die Branche nicht gerade gewöhnt bin. Diese Probelesungen hier – für die Debüt-Veranstaltungen von „Adèle“ [456 S.] im März / April 2013 – atmen noch etwas stark ‚Neo-Expressionistisches‘; es ist ein Ausloten der Extreme eben.
    Eines vor allem schreiben Sie, worin ich mich mehr in beinahe allen Anmerkungen wiederfinde, die Testleser/innen bislang zu diesem Roman gemacht haben: „Worte zu finden, die noch nie gesagt wurden.“ Nichts Geringeres ist mein Ansporn, bei allem, was ich geschrieben habe und schreibe, insbesondere auch bei diesem Roman. Von Herzen danke!

    P.S. An einer Stelle viel weiter hinten sagt „Adèle“ übrigens: „Wer mein Gesicht sieht, hat schon verloren.“

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