Adèle

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Grenzbereiche

Der Roman Adèle handelt von einer im Grass’schen Sinne fragwürdigen Kindheit und deren Folgen, die nach wohl allgemeinem Konsens so eher nicht geschildert werden dürfte. Im Zentrum steht dabei eine verbotene Obsession, etwas Drittes zwischen den gängigen, meist autobiografischen, kunstlos bis quasidokumentarisch erzählten Missbrauchs-Fallgeschichten, in denen die Frage nach Opfer und Täter, Schuld und Unschuld gemäß eines so eindeutigen wie einfachen Schwarzweiß-Schemas beantwortet wird, einerseits – und tendenziell pornografischer, index-verdächtiger Literatur andererseits, zu der aus heutiger Sicht auch manches Werk der Hochliteratur gezählt werden müsste, Klassiker wie Nabokovs Lolita etwa.
Für Betroffene bedeutet das faktisch herrschende Fiktionalisierungsverbot nicht weniger als ein implizites Kunstverbot, das Adèle zu durchbrechen sucht. Denn es sind eben Kunstgriffe vonnöten, das Ausreizen teils kühner erzählerischer Mittel, um der Komplexität einer solchen „dritten“ Geschichte gerecht zu werden. Adèle erzählt von einer Wirklichkeit, die weit vielschichtiger sein kann, als viele annehmen. Ein Buch, das Fragen aufwirft, die im derzeitigen Diskursklima viele gerade Wohlmeinende und Engagierte lieber ungestellt wissen.

Zum Buch:

Erstes Buch – Die Handlung 

Adèle ist acht Jahre alt, als sie kurz nacheinander unter seltsamen Umständen die ihr verhassten Eltern verliert. Das Ende der Ursprungsfamilie erscheint ihr wie eine Erlösung und sie vermutet, Onkel Ferdi, der ältere Bruder ihres Vaters, habe auf drastische Weise für Gerechtigkeit gesorgt. Ferdi ist ein schrulliger alter Tagedieb; beinahe lebenslang wurde er vom wenig appetitlichen Vater und der verstörten Mutter des Mädchens alimentiert – aus zunächst undurchsichtigen Motiven.
Als sich sonst niemand findet, spricht der Staat Vollwaise Adèle Ferdi zu; endlich darf sie mit ihm in seinem verwunschenen Reich am Stadtrand leben. Seit ihrer frühen Kindheit ist der sanfte Onkel für Adèle die einzig echte Bezugsperson und der einzige Mensch, den sie liebt. Der alte Mann und das Kind überleben das kurze vermeintliche Idyll nicht, die Katastrophe ist unausweichlich.

Kapitel

1. Am Grab
2. Falsches Spiel
3. Mutter und Vater
4. Das Paradies
5. Erkenntnis
6. Am Fensterkreuz
7. Am Grab

Zweites Buch – Die Handlung

Adèle wächst zu einer einzelgängerischen Frau heran, die Liebhaber nach Liebhaber konsumiert und sich jedweder Aufarbeitung der Ereignisse verweigert – bis sie auf eine an ihrem Fall interessierte Fachautorin trifft. Während Adèle sich auf deren Geheiß daran macht, ihre Geschichte aufzuschreiben, begegnet sie einem fremden Mann, der in jeder Hinsicht unmöglich erscheint, alles Dagewesene in den Schatten stellt und neu illuminiert zugleich. Gerade scheint Heilung in greifbarer Nähe, da beginnt für Adèle ein von neuem lebensgefährliches Spiel.

Kapitel

1. In der Nacht
2. Brückentag
3. D.I.V.I.N.E.
4. Der Film
5. Die Wahl
6. In der Nacht

Beginn der offiziellen Lesefassung, bestehend aus teils gerafften Passagen:

[Hier, hierhier und hier kann man sich Lesestrecken daraus anhören bzw. partiell auch anschauen.]

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Erstes Buch, 1. Am Grab

Wie soll ich es anders sagen. Das Leben hat mich so vorgesehen. Es wollte mich als Kind. Als richtiges Kind, meine ich. Nur damals war es mir gegeben, lange vor den ersten Flecken aus totem Monatsblut, zwischen acht und zehn. Es konnte mich behüten inmitten der Tollheit. Es hat mich von meinen Eltern erlöst hinein in diese Stille, die mich sein ließ und ihn und alles, was wir wirklich waren.
Bis es dann geschah.
Da fällt mir die Rose aus der Hand und entreißt sich alles, was in den hundert Schattierungen wohnte. Das hat mich schon mit acht Jahren gestört. Da ist ein Geheimnis, da ist ein Geheimnis, da drinnen, da drinnen, verborgen unter den Blütenblättern, so verhallte Echo nach Echo in meiner neugierigen kleinen Brust. Doch nein, ewig nein. Da war nichts, da ist nichts. Es sind genau dreißig tief violette Blättchen von unterschiedlicher Form und Größe, aus denen die Corolla besteht, die Krone Ihrer Majestät, wie Onkel Ferdi zwinkernd sagte und mir dann eindringlich vorzählte, während er mich, dösig nackt auf dem Bauch liegend, von den Halswirbeln abwärts sorgfältig mit ihnen bedeckte, Blättchen für Blättchen, bis ich lila schimmerte und kein Flecken Haut mehr schutzlos geblieben war. Auch Ritzen und Spalten vergaß er nicht. Oft kitzelte er mich gedankenverloren in den noch schweißlosen Achseln mit einem entblätterten Kelch, wenn er endlich fertig war mit seinem Werk. Oder aber er steckte den Kelch, meist war das der krönende Abschluss, behutsam unter meinem Steiß fest. Dann hielt es mich nicht länger still, ich wand und wälzte mich, quietschend vor Wonne und auch manchmal, weil es ein bisschen piekste oder weil mir komisch wurde, und alles fiel ins Gras.
Die ersten kleinen Schweißperlen, das weiß ich noch, weil dann der Wind so abkühlte und alle Härchen aufprickelte, habe ich unter dem Steiß gespürt, zwischen den Muskeln, die Ferdi liebte, besonders wenn ich lief und er die Laufbewegung studierte. Aber auch in Ruhe, liegend im Gras.
Gern tauchte er einen einsamen Finger, meist war es nur die Spitze, in eine dieser Perlen und traute sich dann lange nicht, den glitzernden Tropfen abzulecken, sondern betrachtete ratlos die Kuppe und schmierte sie schließlich an seiner gestopften Hose ab. An einer seiner vielen gestopften. Unversehrt war nur eine, schwarz, steif gebügelt, Teil eines Anzugs und ohne sichtbare Verletzung. Aber die trug er nie. Jedenfalls nie mehr nach dem Flammentod meiner Mutter und dem Herztod meines Vaters. Ich sage das ganz kalt. Meine Eltern waren Schweine.
Dann krabbelte ich auf alle Viere, pellte die letzten Blättchen ab, zog mir den Rosenkelch aus der Ritze und stieß ihn mit dem Kopf an, Stirn an Stirn. So machten wir das immer, wenn etwas wirklich wichtig war, wenn aber noch die Worte fehlten. Er zuckte mit den Achseln und wandte scheu die Augen ab.

„Sag doch bitte was.“
Ich sagte nichts und überlegte. Dann fiel mir etwas ein. „Mach doch du was! Hol uns ein Eis!“
Nach einer Weile kam er dann wieder aus unserer großen Küche zurück, mit einem buntbedruckten Tütchen, darin ein Eis am Stiel. Am Spaltholzstiel, wie er mir einmal erklärte. Eine Form der Späneverwertung. Doch ich sah nur das grelle Orange. Manchmal brachte er auch zwei mit, obwohl ich wusste, er mochte das zuckrige Zeug gar nicht. Vor allem wegen der Farbe nicht. Ferdi mochte es nicht knallig. Doch wenn er mich so lutschen sah, beiläufig und routiniert, wie das nur die Kinder können, dann freute er sich mit. Das war ja gar nicht so einfach, immer drohte es zu zerfließen und in klebrigen Klumpen ins sommertrockene Gras zu fallen, wenn man falsch hinein biss. Seine Augen folgten auch kritisch, wenn ich ein Stückchen balancierte, frei auf der Zunge. Aber nur selten ging es schief.
Das Eis war seine zweite Chance, sobald mir das Spielchen lästig wurde, jedenfalls noch mit acht. Aber so war die Abmachung. Wenn ich von ihm ein Eis bekam, dann durfte er mich noch einmal mit Blütenblättern bedecken.
Und das verstand sich von selbst. Ich wäre niemals etwa heimlich zur Eistruhe geschlichen. Auch wenn ich wusste, dass er genauso niemals die einzelnen Tütchen nachzählte. Später dann dachte ich nicht mehr so oft an Eis. Das Lästige nahm ab, während die Lust am Kitzel wuchs, obwohl ich zügig größer wurde und Ferdi schon bald einen Korb voll brauchte, so einen kleinen, der ohnehin gedacht war für Blumenarrangements. Es dauerte immer länger, bis ich, Blatt für Blatt, in dieser Fülle versank. Er genoss es und vergaß nicht selten zu summen oder etwas zu pfeifen. Manchmal sogar schlief er darüber ein.
Ich spürte es an seiner Hand, die schlaff von meinem Scheitel rutschte. Oder vom Steiß. Dann drehte ich den Kopf langsam zur Seite und sah ihn auf dem Rücken liegen. Sein Strohhut war davon gerollt und die Sonne brannte auf ihn nieder. Oft atmete er nicht in tiefen Zügen, in keinem verlässlichen Takt, sondern er schnappte nach Luft, urplötzlich. Dazwischen war er wie tot, der Brustkorb hob und senkte sich nicht. Wenn er wieder Luft bekam, klang es wie tiefes Gurgeln. Das machte mir Angst, und ich wollte ihn wecken. Leise richtete ich mich auf, warf mein Blütenkleid eilig ab, holte den Strohhut und kippte ihn gegen seinen Kopf, aber ganz sachte, so dass die Stirn beschattet war und auch die Augen im Dunkeln lagen. Ich wollte ihn wecken und auch wieder nicht. So überließ ich es dem Zufall. Meist wachte er nicht auf. Oder er stellte sich weiter schlafend. Manchmal habe ich ihn ertappt bei einem Blinzeln oder bei einem kurzen Lächeln. Das Geräusch aus der Kehle verstummte. Die Angst verflog, und mir wurde leicht. So wurde mir immer, wenn ich ihn friedlich liegen sah. Bald sagte ich mir oder redete mir ein, er träumt bestimmt wie ein Hund. Das hatte ich nämlich beobachtet. Schlafende Hunde knurrten. Sie zuckten und japsten und jagten die Bilder. Gefragt habe ich nie.
Am Ende war ich zehn.
Ich wurde größer, und er blieb alt.

Mein Blick sinkt auf die Finger. Die Rose zerfällt bis auf den Stiel, den Kelch und die verkrüppelten, ehemals goldenen Staubgefäße, mit Stempel zu einem Punkt verschmolzen, zu einem lächerlichen Knopf, viel zu nackt im Sonnenlicht. Es bleibt nur das in meiner Hand. Die Pracht zerstiebt zu Boden, weht mir unhaltbar davon auf die schwere Grabeserde. Ich schließe die Augen hinter dem rauchgrauen Glas der Brille. So innig soll mich hier niemand sehen. Das geht keinen was an.
Und ich erblicke hinter den geschlossenen Lidern noch einmal den üppigen Strauch, unseren Strauch, damals, in seinem Garten, weitab von allen Nachbarn auf einer waldrandnahen Lichtung, und rieche die altsüßen Blumen wieder.
Ich sehe ihn vor mir mit aller Kraft seiner Wangen und mit leuchtendem Blick, wie er mich an sich reißt, die Augen gegen die Sonne kneift und mich hoch in die Luft wirft.
Er lacht er mit überschlagener Stimme, während sich ein Sprühregen auf unsere Gesichter legt. So gezielt im richtigen Winkel gegen das Sonnenlicht zu spucken in unzähligen Tröpfchen, dass ich kurz alle Farben sehe, das kann nur er. Regenbogen spucken. Und jedes Mal fängt er mich auf, wirbelt mich noch einmal herum und sinkt mit mir auf die Knie.
Ich hatte eine schöne Kindheit vom neunten Lebensjahr an. Nach dem elften war nichts mehr. Heute bin ich vierzig. Ferdi ist lange tot.

Seinen schlichten Grabstein aus dunkelgrauem Granit schmückt stets ein kleiner weißer Schleier, billiger Gardinenstoff, gut in der rauen Witterung, denn er ist immer regengewaschen, man sieht ihn weithin strahlend ins Meer von toten Steinen. Er hat ihn mir damals geschenkt, selbstgenäht aus einem alten Store. Er konnte ganz gut nähen, musste ja schließlich ständig seine alten Hosen stopfen und auch alles von mir. Ich rührte kaum einen Finger. Ferdi hat mich schwer verzogen. Er glaubte leider nur, streng zu sein. Darum kann ich heute nichts.
Feiern allerdings konnten wir. Es war eine richtige Zeremonie. Wie er da stand mit einem Kranz aus Frauenfarn und Madonnenlilie für sein großes Mädchen, Lilium candidum, Athyrium filix-femina. Ich kann die Namen noch heute beten und falle oft in ihre Rhythmen. Es klingt unmöglich, und so war er. Wer ihn aber damals sah, wusste es besser. Ich frage mich heute nur, wer ihn wirklich je wahrnahm und nicht nur den komischen Onkel, der mich bei der Taufe um ein Haar ertränkt hätte. Aber für die anderen, die ihn niemals ernst nahmen, nicht einmal dann, als es hätte sein müssen, blieb er stets ein alter Schussel, ein lebensferner Tagedieb, der mein verwaistes Erbe verwaltete und mich bei sich großzog. Wir lebten bescheiden von den Zinsen, auch er, und keiner wagte etwas zu sagen. Man hatte Angst vor uns, vor uns als ganzer Familie. Bei uns wurde so komisch gestorben. Doch konnte das nicht die Ursache sein. Man hat meine Eltern bereits gemieden, als sie sich noch ihres Lebens freuten. Dem hinterbliebenen Onkel war natürlich auch nicht zu trauen. Wusste man denn so genau, was der Alte trieb? Allein mit dem Kind, das in seinen Schutz befohlen war? Doch eines immerhin war gut, man brauchte sich nicht kümmern. Um mich, meine ich. Da verstummten die Fragen gerne, fürs Erste jedenfalls. Und mein wunderbarer Vormund hatte alle Freiheit.

Heute ist Feiertag, und ich liebe Feiertage, wenn alles still ist und geschlossen. Wenn ich keine Angst haben muss, etwas zu verpassen. Die Geschäftigkeit abseits von Heim und Gräberfeld setzt mir oft sehr zu. Aber wenn ich dann da bin, wo auch andere Menschen sind, will ich weg, nur weg. Da reicht mir schon der Supermarkt. Es widert mich an, wenn es warm ist wie jetzt, was sich da hinter den Wagen her s,schiebt. Überall verschwitzte Spalten, die ich lieber nicht riechen will, oft mit krustigem feuchtem Rand im zu knappen Textil. Da jucken die Nähte. Dazu die nackten Gesichter, von denen es in der Schwüle tropft, dumme Augen, die das Schlimmste ahnen lassen. Aber am schlimmsten sind die Stimmen. Nichts ist so unkorrigierbar wie eine schlimme Stimme. Die Leute merken es selber wohl nicht, sonst wäre die Welt sehr leise.
Ich stehe hier unruhig; hinter der schwarzen Brille kitzeln mich Tränen, sie wollen raus und frei sein, so frei wie er. Ich muss dennoch lachen. Wie man dann eben lacht. Ferdi hätte doch auch nicht geweint, nicht um sich. Nur manchmal wurden ihm ganz plötzlich die Unterlider feucht. Dann drückte er mich an sich und steckte die Nase tief in mein Haar, als wollte er sich zu Tode riechen, und ich mochte es, wenn ich seinen Atem feuchtwarm auf der Schädelhaut spürte.
„Es geht nicht, es geht nicht, Liebelein, Adèle“, flüsterte er in diesem Rhythmus, den er immer hatte, riss sich plötzlich von mir los und kniff die Augen fest zusammen, wie ein erschrockenes Kind, das nichts sehen will und auch nicht gesehen werden. Minutenlang oft blieb er so. Und wie er dann guckte, wenn er sich wieder traute zu gucken, vorsichtig, wie aus Angst vor Schlägen und ein wenig zu lächeln begann aus nassen Wimpern, wenn ich ihm über die Wangen leckte, salzig und rau, Furche für Furche durchfuhr und sie sich rafften zu Lachfalten. Wie er dann guckte!
Ich hieß gar nicht Adèle. Nur er nannte mich so, und darum ist es mein Name. So sprach er oft am lautesten, wenn er kein Wort sagte. Es war nur nicht immer leicht zu verstehen. Vieles habe ich falsch gedeutet. War ich denn nicht ein Kind?
Diese Frage verstummt nie, auch wenn sie unsinnig ist. Ich will keine Entschuldigungen, denn so etwas sieht auch ein Kind. Vielleicht nicht unbedingt jedes, aber ich, ich zumindest hätte es doch sehen müssen. Es lässt sich nicht beschönigen, ich habe schwer versagt. Es ist nur gerecht, wenn ich die Reststrafe ableisten muss. Heute durch den Bußgang, einmal in der Woche, zu seinem Grab.

Noch heute leiste ich mir liebevoll den gedachten Anblick, denn Ferdi ist nicht zu zerstören, obwohl von ihm nur Gebein übrig ist, da bin ich sicher. Vielleicht nicht einmal das. Er liegt schon so lange und ist verrottet, nicht anders als Frau Holle. Aber ich habe es schriftlich. Das amtliche Schreiben bestätigt auf Antrag: Ferdi liegt dort allein.
Zum Glück liegen meine Eltern am anderen Ende der Anlage; da ist die kleine Abteilung für Urnen direkt an der Mauer. Da meine Mutter bei einem Schiffsunglück auf dem Rhein Maßstäbe gesetzt hatte, was Feuerbestattung betraf, hat mein Vater, pragmatisch, wie er war, für sich dasselbe verfügt: ein Ende in Flammen. Er ist mir immer zuwider gewesen, eher diffus, ganz anders als meine glasklare Mutter, aber dafür bin ich ihm dankbar. Beiden im Grunde. Dafür, dass sie meinen Onkel für immer in Ruhe gelassen haben. Dafür, dass er nun nicht mit ihrer Asche kontaminiert ist.
Ist?
Ferdi.
Was treibt mich her. Ich könnte ja gehen, mich umdrehen und einfach nie mehr wiederkommen. Doch so ein Grab macht hörig. Wenn ich jetzt gehe, ist er endgültig verlassen. Der Wind wird den Schleier fortreißen, wenn ich nicht bald wiederkomme, diesen albernen Kinderschleier mit aufgenähtem Krönchen, der mich heute fragen macht, was Albernheit eigentlich ist. Und die zynischen Friedhofsgärtner, sofern sie überhaupt etwas denken, werden Lebensbäume setzen, sobald das Grab nicht mehr gepflegt wird, links und rechts vom Grabstein und davor Begonien. Kleine Standardbegonien, die in Rosa und Weiß mit bronzefarbenem Laub. Verlegenheitsbegonien, das übliche Programm.

Hätte ich nicht meine Härte, meine Muskeln, meine Textur, fein und fest zugleich, die mir von damals geblieben ist – was täte ich dann? Was täte ich ohne diese Härte? Ich könnte noch heute mühelos ein Stück Holz zu Splittern schlagen, mit der bloßen Handkante, jedenfalls brüchiges Spaltholz, das, woraus die Eisstiele sind. Ich könnte auch ein paar Nüsse knacken, nur mit der Kraft aus den Lenden, ohne Werkzeug und auch ohne Draufsetzen. Schon als Mädchen war ich stolz auf meinen kräftigen, gut trainierten Beckenboden. Der Muskel schließt sehr fest, greift gezielt die Nuss, bis sie nachgibt. Es geht wirklich, wenn man es lange geübt hat. Mit Erdnüssen zumindest. Die sind spröde und schmal genug und haben die beste Passform. Sie sitzen wie ein kleines Gewinde, festgesteckt und doch komfortabel. Sie halten und fühlen sich gut an. Wahrscheinlich berühren sie so Punkte. Es ist wichtig, sich sauber zu rasieren. Haare klemmen nur ein. Als Kind ist man schließlich haarlos. Dieses Gestrüpp muss nicht sein. Ferdi machte es sichtlich Mühe, ewig ziepte ein weißes Haar oder auch ein pigmentiertes. Bei ihm war es weich, fast seidig, ohne klare Abgrenzungen. Er mochte sich nicht rasieren, außer an Wangen und Kinn und den Hals hinunter über den Adamsapfel hinweg, den ich selten sah, nur wenn er den Kopf zurücklegte und die Kehle präsentierte. Wo hätte er da auch anfangen sollen. Der leichte Flaum in Pfeffertönen war im Grunde überall, nur der gerade Mittelscheitel teilte sich ein wenig schütter. Links und rechts, seitlich davon und vom Hinterhauptbein bis in den Nacken war das graue Haar erhalten. Da sah man die Kopfhaut nur wenig durch. Er trug es knapp überschulterlang und flocht es oft zu einem Zopf. Manchmal, wenn ich bettelte, auch zu zweien oder gar dreien. Die Zöpfchen flechten durfte dann ich. Doch sah er nicht aus wie ein Waldschrat oder wie ein Zottelfaun. Seine Feinheit entzog sich. Von ihm ging etwas aus, was eigentlich nicht sein konnte.

Harte Nüsse, echte Nüsse fühlen sich zwar wunderbar an, liegen gut in der Schleimhaut, aber die Schale bricht nicht auf. Haselnüsse auf unserer kleinen Gartenlichtung hatten wir immer genug. Aber nur die jungen grünen zergingen uns wie Butter. Ferdi konnte es auch sehr gut, wenn man von den Haaren absah, doch beobachtete ich oft, ohne dass er es merkte, wie er die Zähne zusammenbiss und sich seine Wangen feuerrot besprenkelten, auch Stirn und Kinn. Ich wusste damals, es tat ihm weh. Aber ich wollte es nicht sehen. Kinder sind eben gerne grausam, und oft wissen sie es auch. Er gab sich alle Mühe, den Schmerz, wenn es ging, nicht zu zeigen oder mimisch umzudeuten in allerhöchsten Genuss. Ich weiß bis heute nicht so recht, ob er das überhaupt mochte, so ein reines Kinderspiel, eines von dieser Sorte, bei der die Großen nie mitspielen, natürlich ohne Grund. Das tut man nicht und so und pfui! Der arme Ferdi. Manchmal blutete er sogar. Zuerst habe ich nicht geglaubt, dass er wirklich mitmachte. Ich sah ihn nur unter der Hose hantieren, mehr so wie einen Zauberer, wenn er ablenkt und mogelt. Dann fand ich eines Tages die Blutspuren in seiner Wäsche und nahm sie als Beweis, der mir viel bedeutete.
Später, am einzigen Tag seines Lebens, an dem er dazu bereit war, hat er mir das gezeigt, die vorgestülpten Venen, die aussahen wie platzvolle Amphibien. Ich erschrak und wollte von da an viel zarter mit ihm sein. Nüsse hätte er keine mehr bekommen. Er hätte es sich leisten können, auf dem Bauch im Gras zu liegen, in meinem Schutz auch dösig zu sein.
Dazu kam es nicht mehr.
Am Anfang jedoch noch, als wir so zu spielen begannen, war er vor mir nicht sicher und vor dem Hohn, der von meiner Unschuld ausging. Wenn es denn Unschuld war und nicht durchaus ein Gefühl der klaren Überlegenheit. So zupfte ich gerne an der schlaffen Falte, die er da hatte, wo der lila Saum der Unterhose endete und wo bei mir das untere Halb vom straffen runden Kinderpo war, noch immer in wildem Erstaunen darüber, dass ich da gar nichts mehr fand über den mageren Oberschenkeln, keine Muskeln, keine Form, eher eine mürbe Hohlform. Die Linie fiel steil ab. Was für ein Gefälle! Vom Rücken her knickte sie fast einwärts, nach vorn. Darum, weil er hinten so abgeflacht war, sah es immer so aus, als wäre das Becken vorgeschoben, von einer Kraft nach vorn gedrängt. Niemand ahnt, wie mich das reizte, das, besonders das, was aussah wie Bereitschaft und doch einfach Alter war. Da lief mir alles heiß zusammen, und ich suchte dieses Gefühl, suchte es unruhig und ungeduldig, auch mit schlechtem Gewissen. Da stimmte etwas nicht, weil es stimmte. So viel wusste ich schon mit acht. Über die Erwachsenen.
Dieser Effekt, das optisch vorgedrängte Becken, trat jedoch nur ein, wenn er stand oder ging, erstaunlich forsch, erstaunlich schnell, erstaunlich leicht, nicht wenn er im Gras lag und ich daneben mit meiner Lust auf Experimente. Die Falte blieb meist stehen, in der gewünschten Form, und legte sich nur langsam, wie ein uraltes Reptil. Er ließ mich gewähren, zögerlich. Mit welchen Gefühlen, wusste ich nicht.
Mit acht war ich sehr allein, wenn es mich juckte, wenn ich nicht mehr stillsitzen konnte und wenn mir so unbändig wurde, als müsste ich dringend etwas tun, damit das endlich aufhörte. Es half, so hatte ich bald heraus, wenn ich mich auf die Wippe setzte, auf den Sitz, der gerade unten war und den die Sonne seit Stunden beschien. Die Sitzfläche war noch wärmer als ich. Ich klemmte sie zwischen die Beine und drückte sie fest an den Boden, mit den gespreizten Knien im Gras. Die waren hinterher grün. Dann suchte ich die rundliche Niete, mit der der Sitz befestigt war. Sie stand vor, ich fühlte sie unter dem dünnen Kissen, eigentlich für Gartenstühle, das Ferdi darauf gebunden hatte, weil ihm sonst nicht bequem war.
Manchmal war da ein Zucken innen, vereinzelt und ungefähr da, wo ich sonst die Erdnüsse knackte. Sobald ich das entdeckt hatte, konnte ich es nicht mehr lassen. Es tat gut. Und ich wusste, da war noch mehr. Manchmal sah Ferdi mich auf dem Sitz herumrutschen. Dann hörte ich sofort auf. Er schaute meist weg. Ein regloser alter Mann, der so etwas übersah. Dafür ärgerte ihn die alte rostrote Wippe, so wie auch die rostgelbe Schaukel, die er mir nach langem Betteln in den Garten gestellt hatte, dort, wo sonst nichts als Gras wuchs. Das Spielgerät hatte er gebraucht angeschafft, und danach sah es aus. Das bunte Altmetall, fast Schrott, störte für ihn die Ruhe im Garten, die Ruhe der Farben, die Ruhe seiner Augen. Aber so viel Konzession an meine fordernde Kindlichkeit musste einfach sein.

Ich wusste, da lag ein Land, in dem es keine Wege gab und keine Straßen, in dem alles querfeldein sprang und sich nicht um Richtungen scherte. Ein Land, das so war wie meine Träume. Das ich nicht wach betreten durfte.
Auch nicht als Kind.

[…]

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  8. Ab und zu sehe ich mir deine Videos an. Aber mehr als eins schaffe ich
    nie. Die haben einen Nachklang, der fast an Hypnose grenzt. Wie ein sehr
    alter, sehr schwerer Wein – den säuft man auch nicht einfach so weg. Das
    geht schon irgendwie an die Grenze der Verträglichkeit.
    Um Missverständnissen vorzubeugen, ich meine das als xxl Lob. Ich mag
    schweren Wein. Staubtrocken. Nur nicht zu viel auf einmal, wegen des
    langen Nachklangs.

  9. Danke, Knut Kargel. Das ist mir aus dem Herzen gesprochen. Zwar sind diese Videos auf eher bizarre Weise entstanden, jedenfalls die „Adèle“ betreffenden, aber gerade das hat vermutlich den Effekt von „schwerem Wein“ erzeugt. Auch handelt es sich ja um Platzhalter, bei denen – ganz überwiegend – nur [noch] meine Stimme zu hören und praktisch nichts [mehr] zu sehen ist. Die „Grenze der Erträglichkeit“ ist eh mein Ding – und in gewisser Weise auch meine Mission. Rein literarisch.
    Aber was heißt schon „rein literarisch“?

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