Kabinett 1-6

14d657d02235de4a10bcc9c6f95aac02Das Erotische Kabinett

Erster Band

Eine junge Frau, die einen fremden Mann kaufen will; eine Kunststudentin, die das extreme Erlebnis sucht, um ihren Bildern den letzten Schliff zu verschaffen; eine Passagierin im Nachtzug, der eine laszive Fremde die letzten Manieren austreibt; ein junges Mädchen, das seinen Kinohelden im richtigen Leben zu stellen versucht; eine Gesellschaftsdame, die einem äußerst exzentrischen Knaben beruflich zu Gefallen sein muss; eine Hai-Begeisterte, die im größten Aquarium der Welt Körpersensationen erlebt, die sie anatomisch nicht für möglich gehalten hätte … Nichts ist, wie es scheint. In Verwirrspielen und vielen ungeahnten Wendungen geht es in sechs Geschichten um Erotik der anderen Art. Die Erzählungen lassen Kraft ihrer bildstarken und opulenten Sprache, die auch vor Grenzüberschreitungen nicht zurückscheut, die gängigen Genregrenzen hinter sich und verstehen sich in der dekadenten Tradition Georges Batailles.

[ca. 160 Reader-Seiten, entspricht 190 Buchseiten.]

Clio Infernal

Als der Professor sie wiederholt rügt, verfällt Kunststudentin Valerie auf eine sehr eigenwillige und gewagte Idee, um ihren Werken zum noch fehlenden, entscheidenden Schliff zu verhelfen. Mit viel Glück, wie es scheint, erhält sie einen Termin bei La Clio, ihres Zeichens Filmdiva mit austro-französischer Attitüde. Als Hauptdarstellerin in einem verstörenden Stück entführt jene die Studentin Valerie zu einem unvergesslichen Tête-à-Tête in unbekannte Welten.

Textauszug aus Clio Infernal

Ich bin gekommen, um zu hassen. Um in besonderer Weise zu hassen. Nicht primitiv und ruinös. Sondern edel und fein. Für einen guten Zweck. Und ohne dass jemand zu Schaden käme. Ich werde das Niedere bemühen, dunkle Instinkte beschwören für einen noblen Zweck. Adeln wird es mich.
Darum bin ich hier. Darum sitze ich in dem neuen Bahnhofscafé, geschmacklos und doch sinnig Salon Zeitraffer genannt. Ein Un-Ort für die Wartenden, die eigentlich keine Zeit haben wollen, geschweige denn sie hier verbringen. Und schneller wird nun auch nichts davon, dass man den Laden so getauft hat. Über dem kleinen Kasten prangt eine symbolische Uhr. Es ist eine Bar von trostlosem Chic, in der es auch Kaffee und Kuchen gibt – gläsern nach allen vier Seiten. Die Außenwand des Cafés ist Teil der nahtlosen Fassade, die der lärmende Bahnhof vom Vorplatz her zeigt.
Mit übereinandergeschlagenen Beinen, mit wippendem Fuß und so schön gemacht, wie es überhaupt nur ging, sehe ich ihr entgegen. Wann hört das auf, dass man sich schön macht, hat sie vor kurzem öffentlich gefragt. Sie. In einem Interview.
Die hat mich bereits im Griff, denke ich. Ich träume schon in ihren Zitaten während der Warterei vor mich hin. Ihr sanfter Griff mag eisern sein. Mein Entschluss ist es noch mehr.
Hier sind wir verabredet. Passend billig. Passend beiläufig. Großstadt-Tristesse in lasziver Vollendung. Die steht ihr ja auch besonders gut. Was mir steht, das zählt heute nicht.
Hier ereignet sich unser Treffen. Bald, so in zehn Minuten. Falls sie so großzügig ist, sich um eine Stunde zu verspäten. Nur um eine Stunde. Ansonsten harre ich länger aus. Egal. Ich habe Zeit.
Ich habe Zeit, hier, wo man versteckt oder auch schamlos offen im hektischen Strom der Reisenden Täschchenträgerinnen sieht, einschlägig, stoisch. Seltsam nonchalant. Hier im Bahnhof gibt es nicht genug Wände, um alle Beine dagegen zu stützen, die auf der Suche nach Kundschaft sind, nach beliebiger Laufkundschaft. Doch zu erkennen ist es auch so. Das preiswerte Elend der Professionellen. Die Huren hier, denke ich einen Moment, sehen auch nicht anders aus als Clio in ihren Filmen. Das eine ist Gewerbe. Das andere gilt als Kunst.

Der Ritt

Als eines Nachmittags eine junge Liebhaberin das größte Aquarium der Welt betritt, um dort ihre Studien zu treiben, begegnet sie einem fremden, offenbar sehr kundigen Mann, der sie zu einem Tauchgang im großen marinen Außenbecken nicht lange überreden muss – und der ganz andere Dinge mit ihr treibt, als sie jemals ahnte, dass sie anatomisch überhaupt möglich seien.

Textauszug aus Der Ritt

„It’s Jaws!“ ruft einer der Ausgetriebenen aus dem ozeanischen Paradies, während ein Jungtier von vielleicht anderthalb Metern majestätisch an uns vorbei gleitet, mit seinem toten schwarzen Auge wie allmächtig von oben auf uns herabschaut und doch so tief und gleichmütig in die Ferne gerichtet bleibt. Das Tier präsentiert diesen Unterbiss, der ihm und seiner Art zum Ruhm verholfen hat. Als Schrecken aus der Tiefe, archaisch, primitiv und doch überlegen. Die Bestie in Reinform. Seit satten Millionen von Jahren ohne jede Notwendigkeit, sich weiter zu verfeinern, während unsere Spezies, kurzlebig und jung, wie sie noch ist, unterzugehen droht.
Ja, ausgesperrt sind wir. Ganz korrekt und evolutionär.
Die Sehnsucht nach dem Urschoß, sie bleibt.
„Sie können auch Deutsch sprechen“, sage ich zu dem Rufer in der Wüste, zu dem fülligen Mann, der neben mir steht und sich mit seinem harten Englisch wichtigmacht. Ich sage es mit Verweis auf sein T-Shirt, auf das jenes weltvertraute Kinoplakat gedruckt ist. Ein heimisches Fabrikat allerdings. Zweifellos. Denn der Filmtitel prangt dort in unser beider Muttersprache.
„Spielberg. Der Weiße Hai. Wann war das noch mal?“
„1975.“
„Ein schlechter Film. Einfach falsch. Sachlich falsch. Er hat gewaltig beigetragen zum Imageproblem dieser herrlichen Tiere.“
Er sieht mich an, als hätte ich ein unausgesprochenes Gesetz gebrochen, als hätte ich das Sakrosankte dieses Ortes unaufgefordert und störend ins Profane zurückübersetzt.
Dann schaut er mich näher an, und ich bin nicht mehr ganz sicher, ob sein Interesse noch länger dem Panoramafenster vor unseren Augen gelten wird.
„Gleich paaren sie sich“, sagt er und zwinkert.

Käuflich

Ort: Eine Straßenbahn. Kate ist jung und attraktiv. Ein Hingucker. Überall, wo sie geht und steht, wird sie von Männerblicken vermessen. Manche gar präsentieren Geldscheine, unauffällig, flüchtig. Langweilig. Doch das Freiergehabe bringt sie auf eine Idee: Sie beschließt, den Spieß einfach herumzudrehen und ihrerseits einen Mann zu kaufen. Einen bestimmten, den sie sich länger ausgeguckt hat. Aus Abenteuerlust. Was ihr bevorsteht, ahnt sie nicht.

Textauszug aus Käuflich

Sie kaut Kaugummi und nennt sich seit Jahren Kate, weil sie es seit Jahren leid ist, Kati genannt zu werden. Wie das schon klingt. Jedenfalls nicht danach, wie sie aussieht. Man zöge falsche Schlüsse. Sie ist weder harmlos noch alltäglich. Verniedlichung von der Stange steht ihr nicht.
Sie wirkt jung und frisch und hat jene Expressblick-Maße, die es ihr erlauben, sich bei den Männern auf Mehrheiten zu verlassen, auf sehr komfortable, meist schweigende. Manche machen auch den Mund auf und haben plötzlich eine Einladung auf den Lippen. Zum Kaffee. Ins Kino.
Jeder beliebige Passant, auch dann, wenn er vornehm an sich hält, guckt ein zweites Mal, weil er im Bruchteil des Augenblicks erfasst hat: erheblich über dem Durchschnitt. Hingucker. Also glotzen und sehen, was geht.
Das ist Kates Kapital. Heute jedoch ist ihr nicht nach Einnahmen, sie nimmt ohnehin nicht in harter Währung, sie verkauft sich nicht. Sie nimmt virtuell, kassiert die Blicke, und sobald sie sie hat, heftet sie eine Zahl daran. Dann dreht sie sich um, kehrt allen den Rücken zu, und jedes Auge, das sie registriert hat, blitzt an ihr ab. Manchmal bleibt sie auch zugewandt, aber ihre Pupillen gefrieren zu schwarzem Glas.
Sie hat ja, was sie will. Das Marktwert-Barometer verrät es ihr auch so. Was danach käme, wäre ihr zu langweilig. Das hat sie nicht nötig. Die meisten versuchen ohnehin, gratis an sie heran zu kommen. Das verbietet sich von selbst. Jedenfalls bei der Masse, bei den gesichtslosen Herrn.
Ihr ist nach etwas anderem; sie muss sagen, es gelüstet sie sehr. Ihr ist nach einem Experiment, bei dem die Gesetze, die üblich gelten, ausgehebelt sind, ja in ihr Gegenteil verkehrt: Heute ist sie es, die etwas kaufen will. Sie will einen Mann kaufen. Einen ganz gewöhnlichen, von der Straße weg. Einen von den vielen, die sonst zu ihrer Blickkundschaft gehören und die glauben, mit ihr einen Augenflirt gekonnt zu unterhalten.
Es reizt sie die Frage, was dann passiert. Wenn sie das Angebot macht. Und was danach.

City Night Line

Eine Zugfahrt durch die Nacht. Eine Frau, die eine verbotene, unerfüllte Sehnsucht in sich trägt, auf der Heimreise zu ihrer Familie. Bis eine schillernde, laszive Fremde sich zu ihr setzt – und genau das Ersehnte zu bieten hat.
In der Hitze der Nacht beginnt ein raffiniertes und doch auch tief verstörendes Spiel um jenes Eine. Der Einsatz steigt. Bis es zu heftigen Entblößungen kommt. In jeder Hinsicht.

Textauszug aus City Night Line

Es ist zwischen zwei und drei, und wir sind der letzte Waggon. Der stumpfe dunkelblaue Zug, der mehr das Tempo flieht denn fährt, teilt sich wie alle in zwei Klassen. Vorn die bequemen Schlafwagen, mehr davon, als ich am Bahnsteig zählen konnte, und dahinter als letzte wir, die aufrecht sitzen in Reihen von grauen Ruhesesseln. Nach uns nur das Rattern.
Wäre ich eine andere, es könnte ein Entkommen sein, warm und weich, Turbulenzen über Schienen, auf denen nie etwas bleibt, keine Erinnerung, damit sie der Wind nicht mäht oder das scharfe Rumpfgestänge um die Achsen und Räder. Draußen die Welt, mal blauschwarz und mal im Kunstlicht der Bahnhöfe, die Welt hinter den Rollos, von denen viele schief hängen, ist einheitlich schnell und flach.
Sie sitzt mir gegenüber. Da wo andere einen Blick haben, hat diese Frau das Doppelte und ich nicht einmal die Hälfte. Sie sitzt sehr gerade und hält den Schlaf seit Stunden mühelos von sich fern. Seit sie da sitzt, finde auch ich keine Ruhe mehr. Sie ist zu wach, und ich bin zu beschämt. Warum hat sie sich zu mir gesetzt. Was wollen diese Frauen immer, die sich so niederlassen wie sie, ein Bein ganz langsam über das andere, so dass ihre Stiefelspitzen meine Knie fast schmerzhaft streifen, als wollten sie sagen, Madame, was kann denn ich dafür, dass ich so bin und Sie nicht.
Ich sitze geduckt auf der anderen Seite und täusche Schläfrigkeit vor. Unscheinbar, aber wachsam.
Ihr Kinn bleibt unbewegt, betont erhoben im kalten Schein der Leselampe, die mehr ist wie ein Insekt in nächtlicher Fluoreszenz, schwer zu orten und immer nur hell genug für ein paar der Zeilen des Buches, das sie gelangweilt aus der Tasche gezogen hat und nun darin liest.
Kyrillisch, denke ich, aber ich kann nichts erkennen.

 

Hello Beautiful

Sie kennt ihn nur von der Leinwand, aber sie liebt ihn doch. Umso mehr natürlich, denn dazu sind die Schurken da. Sie will den berühmten Clown mit der kalkweißen Maske, den kohlschwarzen Augenhöhlen und dem kaputten Mund; sie will jenes Spiel auf Messers Schneide, mit dem sie rechnen muss. Zunächst scheint die Suche aussichtslos. Schließlich jedoch gelingt es ihr, den Mann mit dem Zungentick zu stellen.

Textauszug aus Hello Beautiful

Von einem reinen blauen Himmel, klar und wolkenlos, scheint die Herbstsonne herab und legt ihr mildes Licht auch über die Dächer der Gegend. Sie ist gerecht und meidet keinen Ort, an den ihre Strahlen reichen. Indian Summer für alle, sagt das glutrote Laub am einsamen Zwergahorn vor dem Haus, der mich hier willkommen heißt. Neben dem Baum steht ähnlich unverrückbar eine Mülltonne, die niemals geleert werden muss, weil keiner je etwas hinein wirft. Jedenfalls nicht der Mann, der dort haust und den ich heute will.
Ich schaue mich noch einmal um, sehe den totgetrampelten Rasen, aus dem das Gras sprießt wie schiefe Nägel aus einer Wand, sehe das schartige bleiche Holz, aus dem die Hütte gebaut ist. Nur die Tür ist solide. Dahinter ist er verschwunden, es ist vielleicht zehn Minuten her.
Neun Wochen lang habe ich nach ihm gesucht, ohne Methode, ohne Erfolg, aber doch von Beginn an in vorwiegend großen, labyrinthischen Supermärkten, weil ich wusste, essen zumindest muss er und riskiert keinen Liefer-Service, hier kämen die ohnehin nicht her. Take-Aways und Restaurants wird er ebenso meiden. Seine Stimme. Seine Zunge. Und die Narben links und rechts. Nur in anonymen Märkten lässt es sich schweigen an der Kasse vorbei bis zum Schluss. Ja, dachte ich, der geht selbst einkaufen. Irgendwie vermummt, unkenntlich gemacht. Vielleicht auch bloß ungeschminkt.
Ich habe, halbherzig zunächst, ein verschämtes Als-ob, die Augen offen gehalten, bin in vertrauten, dann fremderen Kreisen gegangen, deren Durchmesser mehr und mehr zu wachsen begann. In immer entfernteren Gegenden kaufte ich wahllos irgendetwas oder kam bloß zum Spähen, in der irrwitzigen Hoffnung, an die man sich klammert, wenn man jemanden aufspüren will, den man nur von der Leinwand kennt.

Die Spannerin

Als Galina auf ein Inserat antwortet, in dem eine junge Gesellschaftsdame für einen gerade volljährigen Sohn aus besserem Hause gesucht wird, ahnt sie nicht, welche Vorlieben der junge Mann so pflegt, dem sie Gesellschaft leisten soll. Ganz offenkundig ist er anders als andere. So wie auch seine illustre Verwandtschaft gänzlich anders ist als alles, worauf Galina hätte gefasst sein können.

Textauszug aus Die Spannerin

Wir, die Zwillinge, niemals vollständig getrennt, am Kopf noch wie verwachsen, während es lautlos von unseren weichen Lippen rinnt. Während es quillt wie aus einer klaffenden Vulva, in deren sattem, samtenem Rot das Leben leise versiegt. Derweil es fließt wie aus einer jungen Scham, die sich ein letztes Mal verströmt, bevor es ein erstes Mal gab. Wir, mit den ratlosen Kindsaugen, wir sind unser Ich, das einzige, das wir je hatten. Die Trennung wird niemals vollständig sein. Die Szene ist geronnen, für immer …

So weit mein Text. So weit der Beginn des Romans, den ich heute für die Kundschaft können muss. Auf den Oberschenkeln spüre ich sein Gewicht. Die Seiten, aus denen ich rezitiere, still vor mich hin, liegen in meinem Schoß, beinahe unbeachtet, beinahe vergessen. Die Augen halte ich geschlossen, fast innig konzentriert, ich präge mir Wort für Wort jene Sätze ein aus jenem seltsamen Werk, das man mir zugesandt hat, damit ich meine Arbeit zufriedenstellend verrichten kann. Ich fahre zu einem Gespräch. Zu einem Vorstellungsgespräch.
Es ist aufwendig gemacht, das Buch, bibliophil, das Cover bezogen mit tiefviolettem Velours. Der Titel des Bandes: Der Raub des Ganymed, von einer gewissen M. Weiter steht da nichts. Die Verfasserin gibt sich ernsthaft mythologisch, so, dass es schmerzt. Es zischelt, es raunt, es atmet weihevoll. Kitsch und schwüle Gespinste. Fast obszön. Ewig ist die Rede von Hälften und von Zwillingen, die niemals jemand trennen wird.
Ich präge mir die Worte ein, obwohl ich sie gar nicht können muss, auswendig, meine ich, sondern nur vortragen, möglichst schön. Möglichst verführerisch. Als Lesezeichen nehme ich den gefalteten Zettel; es ist jener Ausriss aus der Zeitung, darauf das Arbeitsangebot, jenes Inserat, das mich als zahlender Gast des schaukelnden Linienbusses in die feine Vorstadt lockt. Der Zettel. Darauf steht:

Gesucht: Gesellschaftsdame U 30. Schöne Lesestimme erwünscht.

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