Niemandez

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Variiert; Édouard Manet: Toter Torero, 1864

In meinem dritten, aus zwei Perspektiven erzählten Roman Niemandez [gesprochen wie niemandes], einer Geschichte um einen Mann und eine Frau – bezeichnenderweise beide Tierschützer unterschiedlicher ideologischer Ausrichtung -, die sich trotz aller Gefühlszartheiten und Sehnsüchte durch leidenschaftliche Sonderformen der Lieblosigkeit auszeichnen, geht es zentral um das Wesen der Gleichgültigkeit innerhalb asymmetrischer Beziehungen und darum, welcher Preis zu zahlen sein mag, um sie zu überwinden; sei es im Umgang mit nicht artverwandten Mitgeschöpfen; sei es im Umgang mit der eigenen Art, vor allem in eroticis.
Anders gesagt: Es geht um Liebe, es geht um Hass. und es geht um das Schlimmste: das dazwischen. In den Hauptrollen: drei Menschen und ein spanischer Stier. Handlung und Textproben siehe unten.

Ca. 350 Buchseiten Umfang. [Geschätzt nach der realen Seitenzahl von „Adèle“.]

Die Handlung

Als der prominente Dokumentarfilmer, Menschenrechtler, Tierschützer und Stierkampfgegner Ganser, den alle nur den Meister nennen, das Schreiben einer ihm unbekannten Anwaltskanzlei aus dem Briefkasten zieht, in dem er aufgefordert wird, das beigefügte Manuskript auf etwaige Verletzungen seiner Persönlichkeitsrechte hin durchzulesen, befallen ihn dunkle Ahnungen. Tatsächlich handelt es sich um die sogenannten Memoiren einer jungen Aktivistin der Tierschutzszene, die hauptberuflich Chefin eines schrägen Beichtstudios namens Passionsspielhaus gewesen ist und von der Ganser behauptet, sie sei in seinem Beisein eines natürlichen und schönen Todes gestorben.
Die Polizei hingegen führt sie als vermisst.
Während Ganser sich durch die Aufzeichnungen der Lula Ferringheim müht, auf die er, der ewige Retter, sich näher eingelassen hat, seit sie sie ihm am Ende eines Interviews von einer tödlich verlaufenden Krankheit erzählt hat, erwarten ihn – eine nach der anderen – diverse Entdeckungen, die nicht nur sein gesamtes Leben, sondern auch sein Lebenswerk in Frage stellen – was offenbar der Absicht der Verfasserin entspricht. Die am wenigsten schmerzliche dieser Entdeckungen besteht darin, dass die radikale Tierschützerin Lula gegen Ende ihres Leidensweges offenbar in beinahe religiöser Hysterie einem jungen Matador verfallen gewesen ist.
Eine der schmerzlicheren Entdeckungen besteht darin, dass Lula ohne sein Wissen Zeugin einer Beichte gewesen ist, die Ganser in ihrer vermeintlichen Abwesenheit im Passionsspielhaus abgelegt hat – und die keinesfals für ihre Ohren bestimmt gewesen ist. Während Gansers Gewissheiten über das, was er bis dahin für erwiesen gehalten hat, zusehends schwinden, zieht Lula ihn mehr und mehr in ihre Geschichte hinein, die eigentlich ja teils auch seine gewesen ist – auch wenn er Mühe hat, sie wiederzuerkennen. Es beginnt ein stiller Dialog über das Verhältnis des Menschen zum Tier und über das Verhältnis des Menschen zum Menschen, der Lulas und Gansers Vergangenheit ausleuchtet, die Welt beider nachträglich mehrfach aus den Angeln hebt und schließlich in einem unausdenkbaren Finale kulminiert.
Erst ganz am Ende der Erzählung auch, in einer Schluss-Volte, stellt sich heraus, was es mit Lulas merkwürdigen Aufzeichnungen tatsächlich auf sich hat.

Kapitel

1. Pase Natural
2. Hirtenlieder
3. Lula gesteht
4. Das kalte Herz
5. Im Wasserturm
6. Tag eins
7. Passionsspielhaus
8. Ganser gesteht
9. Herz und Nieren
10. Reisende
11. Die Ovationen
12. Faenarbeit [nach Span.faena]
13. Pase Innatural

Textprobe 1

1. Pase Natural

Der Meister kannte eine Frau, die er hatte sterben sehen.
Ihr Tod erschien ihm als natürlich.
Und nun war das in der Post.
Als er in das Dunkel griff und aus dem Briefkasten nehmen wollte, was er für einen Umschlag hielt, für irgendein Kuvert, sackte ihm der Arm durch; er war nicht darauf gefasst, dass etwas derart Schweres leicht und mühelos durch den Schlitz geglitten war, der den Dienst am Briefgeheimnis vor dem Rest der Welt versah.
„Mein Lieber“, sagte er zu sich selbst, allerdings nicht laut, während er still und steif verharrte, das neue Gewicht am Arm langsam pendeln und ausschwingen ließ und Ahnungen verleugnete„lass die Finger von dem Ding. Es ist nicht, worauf du wartest. Das Gute fühlt sich anders an.“
Auch wenn es durchaus war, worauf Ganser wartete; wissen wollte er davon nichts. Er sah nicht einmal hin und wäre lieber dort geblieben, woher seine Geschichte kam, lange vor dem Sonderfall, jener Missbegebenheit, deren haftender Geruch noch immer zu schön war für Worte, aber auch zu ungewiss. Als könnte er nicht abschließen, als käme noch etwas nach. Darum störte ihn die Tote, der bloße Gedanke an sie. Die Zweite in seinem Privatleben, wenn er von seiner Mutter absah, auch von seinen Großmüttern oder fernen Tanten. Je länger er darüber nachsann, wie gern er wieder zurückkehren wollte in seine unversehrte Welt, desto leichter wurde der Koffer, der von seinem Arm herabhing, ohne dass er bereits sah, worum es sich hier handelte, und desto lebhafter vergaß er, wo, warum und wie lange er stand, hielt still in der Sekunde und zählte wie Schafe das Wort egal. Von dem, was die Zeit ihm ins Gesicht schlug, ließ er sich nichts sagen. So entfernte er sich von ihr und kehrte zurück nach damals, in seine schönsten Wochen und Tage, die nicht etwa die mit ihr waren, wie Lula jetzt hier sagen würde, wäre sie schon dran. Noch aber ist sie nicht dran, noch ist Raum und Zeit für den Mann, und ihn zieht es nach damals.

Damals nämlich, im August vor recht genau drei Jahren, schon mehr zum Ende hin, als sich wie auch heute der späte Sommer neigte, hatte in der Post ein Drehbuch gelegen, kaum mehr als ein Entwurf, eine erste unreife Fassung. Aber die Idee war gut. Ergreifend als Vision, auch wenn der Meister das Wort nicht mochte, genauso wenig wie Inflation.
Ein Fanal aber würde es sein. Seine nächste große Stunde.
Es war das letzte Mal gewesen, das vorerst letzte Mal, dass er eine Sensation aus der Post gezogen hatte.
Erst war er unschlüssig geblieben, eine ganze Weile lang. Er, wirklich er? War er der Mann dafür? Gut, er lebte naturverbunden, er predigte von den Pulten herab, was er nun öffentlich vorführen wollte; wenn überhaupt, dann nur er in Person, und zwar auch in ganz großem Stil; anders als es im Skript stand, da war der Part noch reichlich vage und vor allem unbesetzt. Zunder für Lauffeuer und für Gespött aus den eigenen Reihen. So viel war ihm sicher. Aber auch der Applaus der Massen, die sentimental genug waren, um nicht weiter zu denken, als das süße Gefühl sie trug. Das alles kannte er sehr gut, besonders noch vom letzten Mal, als man ihn beschuldigt hatte, Experimente durchzuführen, die mit der Menschenwürde nicht vereinbar seien.
Bei allem Zweifel, der ihn auch diesmal wieder plagte; von einem ging er für sich nicht mehr ab: Wenn er das wirklich machte, dann nicht nur als grauer Schirmherr, als stallferner Spiritus Rector, der keine Heugabel halten konnte und mit der künstlichen Zitze versagte, weil er den Nuckel falsch herum hielt, wenn es an grauen, dampfenden Morgen mit dem Nippel zur Sache ging, der nur aus Plastik war, an dem man, wie er später erfuhr, jedoch saugen konnte, wie er noch nie im Leben etwas hatte saugen sehen. Er wollte nicht versagen. Er wollte mitten hinein in das junge Leben, das für ihn geboren war, wenn er es nur klar bejahte, und das ängstigte ihn. Es kam ihm weltfremd vor und auch überladen. Schließlich war es nicht für die Katz, sondern für ein größeres Tier. Er hörte sie schon alle sagen, bislang sei er Provokateur gewesen, und zwar ein ausgefuchster; jetzt sei es offenkundig: Er werde schrullig, der alte Mann.
Nach jenem langen Zögern, das ihm mulmig und hässlich erschien und das er verlegen Bedenkzeit nannte, war er einverstanden gewesen, das Projekt zu unterstützen. Bald schon schlug sein Herz, so dass er diese Schläge nicht länger hinnehmen konnte als den gewohnten leisen Takt zur Hintergrundmusik. Was hier urplötzlich aufspielte, waren stolze Märsche, deren Bläsertöne nicht straight und steil kamen, sondern rhythmisch abgeschrägt, wie der Tanz gerader Beine, vorgewölbter Becken und überstreckter Rücken im bunten Schwuchtelkostüm, wie ihm letztens jemand schrieb, der sich zornig im Ton vergriff. Diese Hanseln im Schwuchtelkostüm. Aber die Musik in seinem inneren Ohr riss den Meister sekundenlag hin, als er an das Tier dachte und an das harte Schicksal, das er ihm ersparte. Die Trompeten verklangen nicht; sie starben nicht, sie triumphierten und marterten schwache Momente lang seinen erhitzten Verstand. Pases naturales, minuziöse Fußarbeit, maurisches Sehnsuchtswerk. Warum lauschte er im Kopf dieser unerhörten Musik? España Cañí war es zumeist. Oder La Entrada. Dann wieder Cielo Andaluz. Herrisch in seinem gespreizten Ton, wie ein selbstverliebtes Schreiten. In diesem Stadium irgendwann hatte er sie alle durch, diese arroganten Märsche. Sie waren ihm zuwider, so wie er sich selbst zuwider war. Das lag endgültig hinter ihm. Sie kämpften doch jetzt alle dafür, mit Sammelklagen, Petitionen, zuweilen auch Pamphleten, dass der letzte Paso Doble blechern in der Provinz verklang.

[…]

……. Die Ente scheine sehr zufrieden, wenn man sie auf den Boden setze. Sie watschele zwei Schritte und merke dann, sie sei tot.
Ich lese den Satz immer wieder, noch einmal und noch einmal, bis kein Sinn mehr entsteht. Dann öffne ich die Hand, und das Buch fällt heraus.
Da liegt es nun am Boden und wirbelt Wollmäuse auf. Sie bewegen sich nie von selbst, nur getrieben vom Wind, den ich um mich mache, ich, diese Frau, der die Gabe fehlt, wirklich nackt zu sein, auch im nacktesten Augenblick, wie Sie neulich zu mir sagten, wie Sie leise mutmaßten ganz still für sich hin, und überhaupt nicht wussten, dass ich in meinem Studio direkt hinter den Sprechlöchern saß, mich mühsam niederkauerte, unter Augenhöhe, und kaum je einmal Luft holte, um mich nicht an Sie zu verraten. Aber ich hörte sehr wohl zu, was Sie in meinem gedämpften Gestühl, das nur vermeintlich verlassen war, so zu beichten hatten. Es ist erst ein paar Tage her. Nicht wahr, Sie erinnern sich.
Nicht nackt sein kann, in jeder Hinsicht. Hören Sie, das ist falsch. Ich flehe Sie an, nehmen Sie mich. Machen Sie es wahr. Nehmen Sie mich tief, nehmen Sie mich ganz nach unten. Nur wir beide, Sie und ich. Wir werden mir ein Fest bereiten, ein richtig schönes Fest, nach allen Regeln der Kunst. So wie Sie es mir versprochen haben, noch bevor Sie mir neulich mit gütiger, fast zärtlicher Geste das Du angeboten haben. Bislang gelingt es mir nicht; es geht nicht über die Zunge und auch nicht über das Papier. Aber seien Sie gewiss, ich freue mich darauf, auf unser Wiedersehen im Zeichen der gemeinsamen Feier, der heilig! heilig! heilig! unangemessenen Zeremonie. Ich sehe uns beiden ruhig entgegen und bin Ihnen sehr dankbar. Und so weiter. Blabla. Sie werden schon spüren, wie nackt ich dann bin, bloßer, als das Leben sein kann, das gesunde Leben. So ist nur das Zwischenreich. Sofern ich denn Recht behalte mit meinen Phantasien, mit meinen Experimenten, wonach es zur Zeit aussieht, und wenn zum Schluss auch das Timing gelingt.
Das muss es, wenn man gelogen hat, so wie ich Sie belogen habe. Sie ahnen nicht meine Angst.

Textprobe 2 [Aus Kapitel 5. Im Wasserturm, vor einem langen Streitgespräch. Der Roman st biperspektivisch erzählt.]:

[…] Er hat einfach Ja gesagt. Und ich bin zunächst sprachlos gewesen. Es gibt diese Momente im Leben, in denen man weiß, das ist jetzt zu schön, um lange wahr zu bleiben. Es wird zerplatzen wie die sprichwörtliche Seifenblase irgendeiner Traumfabrik, die ihr Logo niemals bekennt; das Label nennt sich schlicht und viel zu anonym, ja urheberlos und platt DAS LEBEN.
Ich habe sogar nachgeschlagen, weil ich zu nervös bin für Worte, zumindest zu nervös vorerst für gänzlich eigene Worte. Darum muss ich einen alten Reiseführer bemühen, aus dem ich hier frei zitiere, obwohl ich das alles erst sehr viel später wirklich nachgelesen habe. Der dringend benötigte Führer in die eigene, fremde Stadt; das wird dieser Tag werden. Denn wenn Ganser hier ist, kenne ich mich nicht mehr aus.
Wir sitzen im Tour Trueffel, betont auf der letzten Silbe, dem schallgedämpften Feinschmeckertempel im Dachgeschoss des Wasserturms, das im Unterschied zum Rumpf des Gebäudes lichtdurchflutet ist. Der Turm ist ein mächtiger, zylindrischer und denkmalgeschützter Rundbau aus der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, Durchmesser zirka vierzig Meter und entsprechende Höhe, der seit einiger Zeit als Hotel genutzt wird – ein Nutzbau! Bauten nutzt man, nicht Vieh! schießt es mir durch den Sinn – und entsprechend umgestaltet worden ist.
Ein zurückgesetzter Dachaufbau mit umlaufendem Balkon, steht hier. Ziegelfassaden mit Sockelgesims, Wandpfeilern, Blendbögen. Blend- und Rundfenster. Rundbogenfries, Blendarkaden. Blend. Blend. Blend. Im Inneren erhalten sei die konzentrische, sektoral gegliederte Struktur des originalen Grundrisses mit Pfeilern und Bögen, einer Wendeltreppe aus Stein, Schiebern, Schächten und altem Mauerwerk. Ein sogenannter Flachbodenbehälter, dessen freistehender Baustil an die Romanik und an den Klassizismus gemahne.
Von alledem habe ich nicht viel gesehen; die Nacht ist diesig und nicht klar; es hätte ein fetter Leuchtturm sein können oder ein monumentales Mahnmal, dem die Ewige Flamme im Nieselregen ausgegangen war. Gesehen habe ich dann nur, als wir aus dem Regen endlich heraus und drinnen angekommen waren, die vielen hohen Raumfolgen in diesem düsteren Bau, durch die man im Innern zu schweben scheint. Vom Interieur einer Ritterburg unterscheidet es nicht viel mehr als der kühle, nüchterne Stil, der die Schönheit des Frühindustriellen heute noch zu preisen scheint, sowie die modernen Bilder und das Fehlen von Rüstungen.
Vor mir sitzt Meister Ganser, dessen Gesicht aus der Nähe so banal wirkt wie alt. Lediglich dieser Blick eines heiligen Hundes, der seit vielen Jahrzehnten der Erlösung zu harren scheint, verliert aus der Nähe nichts von seiner urtümlichen Kraft in der trüben, dunklen Iris. Ungewöhnlich für blaue Augen. Passt aber gut zum Turm, denke ich. Augen, so dunkelblau wie ein unergründliches Loch, wie ein blindes Wasserloch.
Anders als das helle Glas auf dem Tisch; sicher edles Kristallglas. Neben uns am Tischrand nämlich stehen Wasser und Wein, die Ganser – ohne zu fragen – sofort zu Beginn bestellt hat. Vermutlich geht er davon aus, dass ich mich schon melde, wenn ich etwas anderes will. Zusätzlich eben. Umstände, die ich vermutlich machen darf. Ja, es geht um Umstände, um das Schwierige. Warum geht er sonst mit mir, wenn er es einfach haben will? Diesen Zeitpunkt hat er verpasst, und zwar mit voller Absicht. Denn das weiß er genau.
Er sagt nichts, lächelt nur verlegen und zieht irgendwann die Brauen hoch.
Während geschäftige Kellner und auch viele Kellnerinnen, alle ausnahmslos so jung, dass man meinen könnte, die präsentierten sich hier zur Auswahl und könnten gegen Aufschlag mit aufs Zimmer genommen werden, ohne Unterlass um uns herum huschen und wirbeln, uns mit Stapeln von Karten versorgen, mehrere Kerzen anzünden und immerzu freundlich nicken, nimmt sich Ganser zwei der vielen ledernen Karten und reicht auch mir eine herüber mit seltsam verspannter flacher Hand. Als wäre es das Nächste, was mich nun treffen würde, verwandt mit einem Kantenschlag. Aber es geschieht nichts. Er hält mir nur die Karte hin, und ich nehme sie mit einem Lächeln. Es dürfte das erste sein, das er von mir sieht. Prompt lächelt er zurück, und ich sehe seine blendweißen Kronen. Makellos sind sie. So künstlich wie ein Kuss von ihm, denke ich und finde den Gedanken schön.
Ist es wirklich so einfach, wie sie immer sagen, dass man nur zu lächeln brauche, und schon lächele es zurück aus der nächsten Umgebung? Wie aus einem Spiegel oder wie ein fernes Echo, das willig in die Ohren zurückkehrt? Es könnte vieles erklären. Denn ich lächele sonst nie. Weil es so albern ist. Weil es mir nicht steht. Und weil es die Sache den Leuten auch immer viel zu einfach macht. Nur wer nicht lächelt, bleibt unlesbar und auch entsprechend interessant. Dachte ich zumindest bislang. Lächeln ist doch nichts weiter als eine Ausweichbewegung; oft eben keine Zuwendung, sondern das Gegenteil. Denn weglächeln kann man alles; und davon wird weidlich Gebrauch gemacht, immer und überall, hier besonders vom Personal, das sich im Zähnezeigen gegenseitig unangenehm zu überbieten scheint.
Ich will lieber, dass gesprochen wird, richtig miteinander geredet. Dazu sind wir doch hier. Zumindest ist diese Absicht mein Vorwand gewesen, mich an Ganser heranzumachen und diesen Abend hier abzufackeln. Ich will eine Nacht in Flammen, ganz gleich, wer in ihr verbrennt. […]

Textprobe 3 [aus Kapitel 3. Lula gesteht

Bei der überfüllten Premiere im nachthellen Animale Palast, dem größten heimischen Austragungsort für Tierfilmkonkurrenzen im Rahmen der Animale, hier während der Vorführung von Niemandez Lauf, der heute Abend zum ersten Mal läuft, fällt gegen Ende der Vorstellung in der vorletzten Szene der hohe Priester, der Matador, auf langen Beinen vor dem apathischen Totemtier auf das linke Knie, nicht sonderlich pathetisch, sondern eher beiläufig und schon gar nicht mit solchen Mätzchen, wie Kollegen sie früher pflegten; sich etwa im Angesicht des hechelnden Tieres das Hemd so aufzureißen, nach links und rechts und ratsch zur Seite, um den Hörnern die nackte, geschwollene und behaarte Brust wehrlos darzubieten, jenen angesägten Hörnern, hinter deren breitem Schädel schon seit zehn Minuten kein unvernebelter Wille mehr steht, sondern nur noch ein müdes Tier, das der Herde entrissen ist, das den Kopf mit jeder Runde immer tiefer trägt und von dessen Widerrist sich das Rot in Strömen wälzt.
Es geht also der Priester flüchtig in die Knie, wobei sich die schneidigen Oberschenkel weit auseinanderspreizen; er geht auf den Boden hinunter vor dem unbewegten Stier, der sich nicht mehr verteidigen könnte – jedenfalls kaum wirkungsvoll, es sei denn mit so gerade noch angehobenem Horn -, selbst wenn sein Opfergang keine beschlossene Sache wäre, der Degen nicht von Beginn an wie das berühmte Schwert über ihm gehangen hätte, bis die blitzende Stahlwaffe zum Schluss einfach in den Rücken geht, bis zum Heft in den Rücken geht. Als wäre dieser Rücken Butter und nicht das Fleisch, das wir Menschen reichlich gedankenlos fressen, wenn es zerstückelt und verpackt anonym im Supermarkt liegt, in dem hier nebenan etwa, unweit vom Palast. In diesem Tierfilmtempel aber sind wir immerhin kultiviert und verabscheuen jegliche Rohheit. Nicht einmal der Meister, der drei Reihen vor mir sitzt, also in der ersten, knabbert an einem der Bio-Burger, die er sonst so gern isst, wie es in der Szene gern heißt. McGanser, lachen sie oder manchmal auch MeisterMäc. Hinter vorgehaltener Hand. Niemand vermag zu sagen, ob er davon weiß.

[…]

Und dies ist für mich das größte Geheimnis, das es um Menschen geben kann.
Bei ihm liegt es an seinem Blick, der oft leicht überrissen ist, wie der eines herzerweichenden Hundes, dessen Kopfhaut man ein wenig zu weit nach hinten zieht im Versuch, ihn zu streicheln. Es liegt auch an seiner bestechenden Art, sich ehrlich zu bewegen, selbst über Lügen hinweg sich ehrlich und treu zu bewegen. Ich stelle ihn mir vor als den einen, wahren Menschen, den man höchstens zweimal trifft.

[…]

Doch wen engagiert man dafür?
Für einen solchen Plan?
An arbeitslose Schauspieler hatte ich ja durchaus gedacht, an jenen armen Teufel etwa, der länger in meinem Studio, dem Passionsspielhaus, als Assistent und Putzmann gearbeitet hat, bis er dann plötzlich kündigte, bevor der Plan schon ausgereift war. Er hatte schließlich doch noch ein Engagement gefunden. Das wollte ich ihm nicht verderben durch einen Vorschlag wie meinen, der ihn aller Chancen brutal und sicher beraubt hätte, noch gesellschaftsfähig zu sein und irgendwo in den Häusern hier vor kultiviertem Kennervolk Proteststücke zu spielen. So habe ich ihn denn schweren Herzens zum Theater ziehen lassen und mich wieder planlos gesehen, bevor ich überhaupt erste Schritte in diese Richtung gegangen war.
Heute bedaure ich nicht mehr, diesen Plan verworfen zu haben, wie ich ebenfalls an dieser Stelle gestehen muss. Denn es hat sich mittlerweile eine ganz andere Gelegenheit für meine Zwecke aufgetan. Eine sehr viel günstigere und auch sehr viel bessere.
Wir erfahren noch davon.
Auch Sie, Meister Yemandez, zu welchem schönen Namen ich Sie weiter hinten noch feierlich umtaufen werde, in einem eigenen Akt, sobald mir wirklich danach ist. Bislang geht es nur sporadisch, Sie für mich selbst so anzusprechen. Noch sind Sie nur der Ganser, dessen Leben ich leider bei der Premiere nicht habe retten dürfen, weil ihn niemand bedroht hat. Die haben alle nur geklatscht in diesem Animale Palast. Stupide und einfallslos wie jedes x-beliebige Samstagabendpublikum. Aber es hat sein Gutes. Was jetzt komBelleriivemt, wird pviel, viel besser. Ich werde berichten bis zum Schluss.
Bis niemand mehr da ist, um es noch zu sagen.

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