Zünglein

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Samenwaage

Der Erstling Zünglein ist das sprachlich wie thematisch Schrägste, das meiner Feder je entflossen ist, und so dicht, dass die Lektüre zur Qual geraten kann. Dennoch hat dieses Skript alle Klischee-Vorzüge von Erstlingen, die da angeblich heißen: draufgängerisch, unverbraucht, rücksichtslos.

Ca. 250 Buchseiten je nach Satzspiegel. [Geschätzt nach der realen Seitenzahl von „Adèle“.]
Bis zum 30.9.11 sind meine Printprojekte durch die Literarische Agentur Piper & Poppenhusen , namentlich Ernst Piper, vertreten worden. Seit dem 1.10.11 hat der mittlerweile verstorbene Kurt Heering von Cologne Media Network  die Vertretung übernommen und 2014 meinen zweiten Roman Adèle vermittelt.

Die Handlung:

Die junge Philippa Grätz, genannt Pi, ihrem Wesen nach fixierte Verehrerin, ist besessen von dem alternden Schriftsteller Halbinger, dessen aufreizend ambivalentes Verhalten sie und ihn bei einer traumatischen Begegnung kurz zuvor in die Extreme getrieben hat. Doch Philippa ist nicht nur liebeskrank, sie siecht auch an dem seltenen Leiden Morbus Meynach dahin, dessen unappetitliche Symptome ihre Ärztin, Erstbeschreiberin der Krankheit, mittels inzwischen lebensgefährlicher Dosen eines Medikaments zu lindern weiß. Nach der Begebenheit mit Halbinger verkündet sie der ohnehin geschwächten Philippa, die Verschreibungen des ‚Lebenselixiers’ nicht mehr verantworten zu können, und versucht sie zu bewegen, sich ‚anders’ helfen zu lassen. Philippa weiß, was das bedeutet.
Daraufhin flüchtet sie aus der Stadt zurück aufs Land, wo sie sich schon zuvor versteckt gehalten hat. Trinkend und ihren länger und länger werdenden Abschiedsbrief schreibend flieht sie mit den letzten Reserven an Geld und Medikamenten bei sich von Hotel zu Hotel, wird immer deliröser, landet schließlich in einer verlassenen Scheune und will ihrem Leben ein Ende machen. Während dieser selbstverordneten letzten Tage durchlebt sie erstaunliche Begegnungen – mit einem Hund, mit einem jungen Mann, mit dem Selbsthilfeverein Reingewinn e.V. für Lebensmüde – und mit einem alten Landstreicher, der dem Schriftsteller Halbinger zum Verwechseln ähnlich sieht – und der ihr Hilfe verspricht.

Textprobe aus der Mitte

Diesmal, sage ich. Diesmal gehe ich nicht in die Schlange, die behäbig kriecht wie immer, in diesen langen gewundenen Leib, der gespickt ist mit feuchten Händen. Überall auch feuchtes Gestammel, schwellendes Gemurmel. Nirgendwo Wohlklang. Ich gehe nach draußen. Reihe mich nicht ein. Sehe ihn noch signieren, fast wie im Akkord. Im äußerst verstimmten Akkord. Er hat mich gesehen, auch wenn er nicht aufschaut. Hektisch alles brav bekrakelt, was man ihm unter die Nase hält. Draußen die Grillen. Schön der gezirpte Gesang wie immer. Ich stehe und warte auf meinen Stelzen. Es dämmert. Wenig Licht und noch mehr Schatten, alles schon bleich und bläulich. Wie mein wachsames Maskengesicht. Die Eulenpupillen. Nachtvogel, Schwungfeder schwärmerisch. Ich warte lange. Trete hin und her. Von Zehen auf Zehen und zurück. Doch endlich. Der huschende Schritt. Da kommt er durch den Ausgang, diesen verschwiegenen Hinterausgang. Will sicher endlich allein sein. Doch sieht mich im Zwielicht. Und erschrickt. Streicht an mir vorbei, setzt seine Füße, immer leicht nach außen gekehrt, leise tretend beiläufig. Weiß, wer ich bin. Sieht, wie ich es hinhalte. Ihm, das blöde Buch. Eines von seinen. Aschenbrand ist es nicht. Es ist das davor. Vorne drauf steht: Eschatons Reich. Geschichte einer Eskalation. Die er gewiß nicht will. Oder vielleicht doch. Seine Knie sind unruhig. Ich versuche im Dunkeln zu zielen. Wo sind die Augen. Sehe mattes feuchtes Glitzern, nichts, nur halbblinde Spiegel. Da sagt er den Satz. „Sie wollen doch gar kein Autogramm. “ Die Mundwinkel. Sie kneifen sich in den Wangen fest. Und haben unendlich recht. Nein, will ich nicht? Was will ich dann, frage ich hilflos, geschmälert als Schatten neben ihm. „Was will ich dann.“

„Ich weiß es nicht“, sagt er leise und legt den Kopf ein wenig schief. „Na. Vielleicht weiß ich es doch.“ Er stellt sich, denke ich fassungslos. Dann schreibt er schwunglos ins beinahe Schwarze: Halbinger bedankt sich. Ich lese es erst später, im Lichtschein der Ereignisse. Und er will weiter. Geht neben mir. Oder ich neben ihm. Wir gehen nicht, wir geistern. Ohne rechtes Ziel. Als wäre noch etwas zu sagen. Wo wollen Sie jetzt hin, frage ich. Ich gehe ins Hotel, sagt er. Der Tag war lang. Ich brauche Ruhe. Wendet sich halb ab. Legt einen Finger an die Lippen. Zögert. Zögert noch immer. Überlegt mit Überlänge. Kürzt sich nicht mehr. Hat ein Ergebnis. Nein, sagt er schließlich. Kommen Sie doch mit. Ich könnte Sie gebrauchen. Der Herd ist noch nicht erloschen. Wie, frage ich. Die Küche, sagt er. Die Küche ist bestimmt noch auf. Ich lade Sie ein. Zum Essen. Es hüpft in mir. Ich strahle. Ein Nachtlicht. Er bleibt still, fast statuarisch. Die Stimme kalt wie fremder Stein. „Doch bitte, damit wir uns nicht falsch verstehen. Sie sind mir keineswegs angenehm.“ Er streicht sein mondweißes Hemd glatt. Schaut fragend. Mit diesen traurig fernen Augen. Die ich nur vage ahnen kann. Ein Frösteln zieht auf. Ich weiche zurück. „Kommen Sie nun mit. Oder lieber nicht. “ Neben mir ein Scharren. Ein Stöckchen stochert und staubt durch den Boden. Es glimmt nur noch, doch fliegen die Flocken zwischen uns. Sie rieseln herab, fast reinweiß. Dünner als jedes Papier, das sie waren. Dünner als jede Haut. Ohne alle Spuren. Es regnet verlorene Zeichen. Reinhold schweigt mit Nachdruck. Doch wirkt nicht froh. Sieht sich verlassen, wie es scheint. Verlassen und verblassen. Da liegt er, sagt er leise. Da liegt er in Asche. Und hat es verdient. Vielleicht, sage ich. Doch laß mich bitte weitererzählen. „Ja, sagt er. Das Mündliche. Es taugt am Ende mehr. Weiter.“

Halbinger wartet. Steht unruhig auf der Stelle, wartet vor mir auf und ab. „Ich komme mit.“ „Gut, sagt er. Gehen wir. Sind nur ein paar Schritte.“ Da sehe ich sein rechtes Bein, das ihm auf einmal enteilt. Das ihm am liebsten entkäme. Oder auch mir. Ob er das wohl öfter hat. Nicht mehr Herr seines Beines zu sein. Ich soll es nicht spüren, wie er ihn stemmt, seinen Willen. Gegen die Fliehkraft. Da fällt mir ein, es schrieb letztens einer, der sich sicher sehr komisch vorkam, regt euch mal ab, Halbinger wird eben alt, der geht bald am Stock wie sein kauziger Opa, der hat es nun mal mit den Extremitäten. Ich frage lieber nicht nach. Wenn er schon keinen Takt mehr kennt, dann besser doch wenigstens ich. Und überhaupt. Alle diese Fragen, die plötzlich meine Stirn bestürmen. Wie ißt wohl so ein Halbinger. Bestimmt feudal. Jetzt heißt es womöglich schon wieder Benimm. „Ist es da vornehm“, frage ich. „Nicht besonders“, sagt er. „Ich wohne doch nicht im Schloß.“ Die Stimme klingt sanft und so scheu wie immer. Wir gehen, auch er bald wieder im Tritt, im Takt, inzwischen unter Laternen, doch er schaut nach vorn, nur und stur. Er kratzt sich am nächtlich erhellten Schädel beim Gang durch die Allee. Linden, wenn ich richtig sehe. Das überspitzte Herz der Blätter. Vor uns das Schloß. Rostrot und kalkweiß getüncht. Schmückendes Stückwerk, Ornamente in Stuck und in Kitt. Vielleicht auch in Kitsch, sage ich mir. Es geht durch ortsfremde Szenerie. Unter uns knirscht Kies. Dann wachsender Lichtschein. Schein alles überhaupt. Kann das denn sein. Was sollte das heißen, nicht angenehm. Doch zu gebrauchen. Mir wird so abweichend zumute. Doch bleibe ich tapfer neben ihm. Nun viele munter bunte Fenster. Riegel in leuchtenden Lettern. Über dem Eingang.

„Riegel?“ frage ich. „Ist das ein Scherz.“ „Das weiß ich nicht“, sagt er tonlos. „Ich glaube, die heißen wirklich so. Das Riegel hat Tradition. Eben Familientradition.“ „Wann hätten denn Riegel keine gehabt.“ Ich lache in Kapriolen. „Riegel werden doch immer gebraucht. So wie auch Schlösser. “ Er lacht nicht. „Der Witz ist zu alt“, sagt er nur. „So viel hat man mir hier erzählt.“ Dann öffnet er uns den Abend. Hält mir die Tür. Wir kommen durch goldgelbes Licht. Die Tische stehen fast alle allein, tellerlos und menschenleer. Es ist weit nach zehn. Aufgefaltet die Servietten, auf diesem steifen Leinen. „Welcher darf es sein.“ „Ich mag lieber Ecken“, sage ich. „Und Winkel. Am liebsten die allerhintersten. So wie diesen.“ „Ist mir recht“, sagt er. Er weist mir die geblümte Bank. Nimmt selbst einen Stuhl. Die Blumen auf dem Tisch sind echt. „Wissen Sie, wie die heißen.“ „Ja, sagt er, Impatiens. Impatiens und keine Rosen. Keine Rosen für Sie. Es tut mir leid. Aber es paßt. Es paßt ganz ungemein. Muß ich mir notieren.“ Er greift in eine Innentasche und fingert ein winziges Blöckchen hervor. Zückt seine Brille. Kritzelt etwas mit freudigem Blick. Dann kommen Kellner und Karte. Halbinger bestellt uns Wein, ohne mich zu fragen. Ich schaue zur Seite, fort von der Tafel hinüber zur dunklen Täfelung. Holz an der Wand und Holz im Kopf. Was ist, sagt er. „Sie trinken doch. Sie sagen nicht nein. Das sehe ich. Sie schielen mit dieser bestimmten Gier. “ .

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